09.
Nov.
2016
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Wunder am Strand

Mutige Königstöchter und listige Stiere – auf Kreta spielen die schönsten Göttersagen. Familienurlaub zwischen Mythen, Meer und Moussaka

Ein frischer Wind treibt die Wellen an den Strand, kreischend vor Vergnügen laufen die Kinder vor der weißen Gischt davon. Von der Sonnenliege aus genieße ich die Panoramasicht über die felsige Akrotiri-Halbinsel und das Kretische Meer ins herrliche blaue Nichts. Die Gedanken reisen mit übers Meer, werden hierhin und dorthin gepustet, von Erinnerungen an listenreiche Götter, mutige Königstöchter und menschenfressende Ungeheuer gestreift.

Da kommt die kleine Tochter angelaufen, kuschelt sich ins Strandtuch und möchte Der Wolf und die sieben Geißlein erzählt bekommen. „Es war einmal eine alte Geiß, die wohnte mit ihren Kindern in einem Haus am Waldrand“, so weit komme ich noch, dann reißt schon der Faden... wie ging's nochmal weiter? Statt Zicklein drängen sich mir mythologische Gestalten in den Sinn, allen voran ein goldener Stier... Nein, hier ist nicht das Reich der Grimmschen Märchen, es fehlen der Wald, die Räuber und Hexen. Auf Kreta regiert die Götterwelt!

Auf Zeus' Rücken übers Meer

„Soll ich dir nicht lieber erzählen, wie sich Göttervater Zeus in einen Stier verwandelte und die Königstochter Europa nach Kreta entführte?“, frage ich. Die 3-Jährige schaut skeptisch, scheint mir aber eine Chance zu geben. „Im Lande von Tyrus und Sidon wuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königs Agenor, in der Abgeschiedenheit des väterlichen Palasts auf“, so lese ich aus Gustav Schwabs herrlicher Sammlung klassischer Sagen vor. Zeus verliebte sich in sie und verwandelte sich in einen prachtvollen Stier, um sich ihr nähern zu können – dann entführte er sie auf seinem Rücken von Phönizien nach Kreta, wo er sich zurückverwandelte. Europa aber hielt ihn für einen „Barbarenfürsten“ und wollte sich vor Verzweiflung das Leben nehmen. Da erschien die Liebesgöttin Aphrodite und sprach zu ihr: „Tröste dich, Tochter des Agenor! Zeus ist es, der dich geraubt hat; du bist die irdische Gattin des unbesiegten Gottes. Unsterblich wird dein Name werden; denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heißt nach dir: Europa!“

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Flucht mit selbstgebauten Flügeln

Die Tochter hat sogar zugehört, jetzt zappelt sie sich aber frei und läuft wieder zum Meer. Ich kann noch ein bisschen weiter schmökern, es gibt so viele bekannte Sagen, die ihre Heimat auf Kreta haben: die Geburt des Ungeheuers Minotaurus, halb Mensch, halb Tier, das in ein Labyrinth gesperrt wurde; die Geschichte von Ariadne, die mit einem Faden dabei half, das Monster zu töten; das Schicksal des Erfinders Daidalos und seines Sohnes Ikarus, die sich Flügel bastelten und versuchten, übers Meer zu fliehen...

Ich begnüge mich damit, mir die Schauplätze vorzustellen – einen Besuch antiker Stätten brauche ich der Familie gar nicht erst vorzuschlagen. Sie sind so glücklich am Strand. Man kann es ja auch verstehen: Es ist Ende Oktober, wir hatten gerade mal auf ordentliches „Wanderwetter“ gehofft, jetzt schwitzen wir bei sagenhaften 29 Grad! Der minoische Palast von Knossos ist zudem weit entfernt, er liegt zweieinhalb Stunden von uns entfernt nahe der Inselhauptstadt Heraklion

Per Bimmelbahn ins Alpenpanorama

Wir haben den Nordwesten als Basis gewählt, genauer: das Strandhotel Eliros Mare in der Region Georgioupolis, und sind happy damit. Neben dem Hauptgebäude erstrecken sich mehrere Apartmenthäuser über eine Gartenanlage. Von dort führt ein Weg zum betreuten Spielplatz, zur Open-Air-Bar und zum Zelt-Spa, und dann ist da auch schon der kilometerlange Strand, der einen wunderbar flachen Einstieg bietet. Das Wasser ist absolut klar, der Strand gepflegt; feiner Sand, gesprenkelt mit kleinen runden Steinen (Badeschuhe nicht nötig), die sich toll zum Verzieren von Sandburgen eignen.

Alles, was man für den täglichen Bedarf benötigt, bekommt man gegenüber vom Hotel an der Küstenstraße: Strandmützen, Postkarten, Zahnpasta, Aspirin und Mietautos. Dann gibt es da noch die Haltestelle des Bimmelbähnchens, das durch malerische Olivenhaine zum vier Kilometer entfernten Kournas-See rumpelt, Kretas einzigem Süßwassersee inmitten eines Alpenparoramas. Von helltürkis bis tiefblau funkelt er im Sonnenlicht, wir mieten ein überdachtes Tretboot und tunken unsere Füße in der 45 Meter tiefen Seemitte in sein eiskaltes Wasser.

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Nixen und Pyramiden aus Künstlerhand

Nach Georgioupolis fährt ein öffentlicher Bus, die Haltestelle ist ebenfalls direkt vorm Hotel. Ein Strandspaziergang zum Dorf ist eine reizvolle Alternative, dazu braucht man mit einer 3-Jährigen und einem 6-Jährigen aber Geduld – für knapp sechs Kilometer haben wir mit Pause gut zwei Stunden gebraucht. Es gibt ja auch so viel zu entdecken unterwegs, darunter die schönsten Kunstwerke aus Sand: Nixen, Pyramiden und Engel, geschaffen von wahrer Künstlerhand. Georgioupolis ist ein gemütliches Dörfchen, das im Schatten von himmelhohen Eukalyptusbäumen liegt. Fürs Kinderglück gibt es einen modernen Spielplatz und ein Trimm-Dich-Feld am Hafen, bei windstillem Wetter können Mutige auch über Felsbrocken mitten durchs Meer zu einem weißen Kirchlein wandeln.

Zwei weitere Busausflüge kann ich noch aushandeln, sie führen uns in die antiken Hafenstädte Chania und Réthimnon, in der sowohl die Römer als auch die Osmanen viele Spuren hinterlassen haben. Unser Hotel liegt genau zwischen den beiden Städten, nach Chania sind wir im Bus ca. 40 Minuten unterwegs, nach Réthimnon 20 Minuten. In ihren malerischen kleine Gässchen könnten man stundenlang Neues entdecken; verwunschene Glücksbrunnen, halb verfallene Minarette, üppig bewachsene Balkone, orientalische Holzerker – und natürlich Shop an Shop. Zur Hauptsaison im Sommer wäre das Bummeln hier sicher ein Alptraum für mich. Jetzt, Ende Oktober, geht alles sehr entspannt vonstatten. Überall ist es gerade noch so voll, dass man sich wohl fühlt und nicht der einzige Gast im Restaurant ist, aber nirgendwo Gedränge herrscht.

Piratenalarm in der Fortezza

Besonders Réthimnon mit seiner über der Stadt thronenden Fortezza hat mich verzaubert. Die Festung wurde im 16. Jahrhundert von den Venezianern angelegt, mit ihren dicken Mauern und bulligen Bastionen sollte sie die Bevölkerung vor den Türken schützen. Auf dem weitläufigen Gelände finden wir unter Pinien tatsächlich noch ein paar rostige Kanonen und Kugeln, die Kinder fühlen sich wie in einem Piratenabenteuer.

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Zeugnisse der Wehrhaftigkeit Kretas finden wir auch in Chora Sfakion, eines der Zentren des Widerstandes gegen fremde Eindringlinge – Venezianer, Türken, zuletzt die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Für die Kinder ist das natürlich noch kein Thema, und wir hatten uns Chora Sfakion auch nur aus praktischen Gründen als Ziel für unseren Mietauto-Tag gewählt: Es ist der erste Ort, den wir nach Überquerung der Berge im Inland an der Südküste Kretas erreichen konnten. Die Fahrt hat nur eine knappe Stunde gedauert, aber dass es tägliche Pendler geben könnte, kann ich mir einfach nicht vorstellen: Von den ganzen Serpentinen (die Berge im Westen Kretas sind über 2.000 Meter hoch) ist mir furchtbar schlecht geworden. Die Tochter hat den Trip komplett verschlafen, dem Sohn konnten wir immerhin mal das Libysche Meer zeigen und ein paar dicke Fische in den eisgekühlten Auslagen der Hafen-Tavernen. Er probiert dann aber doch lieber seine erste Moussaka, die er zufrieden verspeist.

Nach so viel Szenenwechsel gebe ich jetzt auch Ruhe; wir haben genug gesehen (und kommen gern wieder). Die restlichen Urlaubstage werden geruhsam am Strand verbracht, wo ich meine Nase wieder in den Wälzer von Gustav Schwab versenken darf. Meine Tochter fragt auch noch mal nach dem bösen Stierkopfmann und baut aus Sand ein sicheres Labyrinth für ihn.


Hier noch einige Impressionen:

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Hafen-Taverne in Chora Sfakion am Libyschen Meer

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Blick vom Hotel Eliros Mare in die Berge

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Am Strand nahe Georgioupolis mündet ein glasklarer Fluss

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Üppig bewachsenes Gässchen in Chania

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