03.
Nov.
2015
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Was uns Mortadella mit Gesichtern über deutsche Eltern sagt

„Vive la famille“ von Annika Joeres lehrt uns interessante Unterschiede zwischen deutschem und französischem Familienglück

Warum französische Kinder nicht mit Essen werfen, hat uns US-Autorin Pamela Druckerman kürzlich enthüllt. „Bringing up Bébé“, so hieß der Bestseller, in dem uns die Neu-Pariserin die Erziehungsgeheimnisse der Franzosen verriet. Nun hat die deutsche Journalistin Annika Joeres nachgelegt: „Vive la famille – Was wir von den Franzosen übers Familienglück lernen können“, so der Titel ihres unterhaltsamen Vergleichs. Auslöser war die Frage: Wie schafft es Frankreich, bei seinen Geburtenzahlen nahezu alle europäischen Rekorde zu brechen?

2,1 Kinder hat eine französische Familie im Durchschnitt, während es in Deutschland nur 1,3 sind – Tiefststand in Europa. Was sind die Voraussetzungen, um sich so viel häufiger und offenbar unbeschwerter für Nachwuchs zu entscheiden?

Annika Joeres fand interessante Ursachen heraus:

Das neue, alte Leben mit Kind

„In Frankreich krempelt ein Kind das Leben nicht komplett um“. Genau das aber ist die große Angst der Deutschen. Viele fürchten um ihr gewohntes Lebensmodell, haben Angst vor einer Neuordnung, die ein kleiner Schreihals erzwingt. Da können die Franzosen offenbar entspannter sein: Es ist „der Staat, der besser für Familien und ihre Kinder sorgt, und es sind die Eltern, die sich den Alltag leichter machen“, weiß Joeres.

Die Krippe als Konsens

Üblicherweise kommt ein französisches Baby mit vier Monaten in die Krippe – für bis zu 50 Wochenstunden. „Je nach Beruf und Alltag, das ist logisch“, so der unbekümmerte Kommentar dazu in einer französischen Tagesmutter-Beratungsstelle. Das würde man so in Deutschland bestimmt nicht zu hören bekommen. Hier regiert bei vielen Müttern noch das schlechte Gewissen, ihre Kinder überhaupt in die Krippe zu geben, und das auch erst ab ca. einem Jahr. Ganz zu schweigen von der nervenaufreibenden Suche nach einem Kitaplatz.

Franzosen können sich über ein gut ausgebautes Netz an Kitas mit einheitlichen Standards freuen. Und sie sind davon überzeugt, ihren Kindern dort eine schöne, wertvolle Zeit zu bieten: das Spiel mit Gleichaltrigen, vielfältige Angebote, erste Schritte zur Selbständigkeit.

Elternglück bedeutet, auch eigene Bedürfnisse zu wahren

Glückliche Eltern haben glückliche Kinder – ein Mantra, dem Joeres' in Frankreich immer wieder begegnete. „Für Eltern bedeutet dieser Satz, nicht auf Hobbys und Arbeit zu verzichten, die sie zuvor erfüllt haben. Für die Kinder bedeutet es, entspannte Eltern zu haben – die vielleicht weniger Zeit für sie einplanen, dafür aber freudvoll mit ihrem Nachwuchs umgehen zu können.“ Das also einer der größten Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen: „Das gute Gewissen französischer Familien, Kinder zu bekommen und dennoch ihr früheres Leben weiter zu pflegen...“.

Die Deutschen seien dagegen „Meister darin, das Muttersein auf ein Podest zu heben, an das keine Frau herankommt“ – Joeres zitiert die französische Philosophin Élisabeth Badinter. „Jede Frau, die in eine allumfassende Mutterrolle gedrängt“ wird, „vermisse früher oder später ihre Rolle als Partnerin, als Freundin, als Selbständige, als Arbeiterin.“ Ihr Fazit: Ein ständig beschworener Mutterinstinkt, nach dem eine Frau ihrem Kind alles zu opfern habe, verleide den Frauen die Lust an der Fortpflanzung. Deutschlands Problem.

Kinder sind keine Projekte

Wer sein eigenes Leben weiter pflegt, wird sein Kind auch weniger zu seinem Projekt machen. Dies ein weiterer Unterschied zwischen hier und dort. „Deutsche Eltern verspüren großen Druck, das Allerbeste aus den Kindern herauszuholen... Sie haben das Gefühl, ihr Kind ständig fördern zu müssen“, schreibt Joeres. Die Folge sind wahnwitzige Terminkalender der Kinder und Eltern, die quasi mit im Klassenzimmer sitzen.

In Frankreich dagegen nähmen die staatlichen Schulen und Betreuungen einen so großen Raum ein, dass die Eltern viel weniger darüber nachdenken müssten, ihre Kinder zur Nachhilfe oder zu anderen Kursen zu schicken. Auch attestiert Joeres den französischen Eltern ein ungleich größeres Vertrauen in ihre Kitas und Schulen.

Erst zum Abitur hin nimmt der Druck auch bei französischen Schulkindern zu. Der Grund: Der Wunsch, sein Kind auf einige der wenigen renommierten Unis schicken zu können.

Richtiger Mann = richtiger Zeitpunkt

Kein Wunder also, dass bei den Franzosen schon bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen eine größere Zuversicht und ein gutes Maß an Gottvertrauen herrscht. „Warum sollten wir warten, wenn wir eine gute Partnerschaft haben?“ – so die Einstellung von Joeres' französischen Freundinnen. Den perfekten Zeitpunkt gibt's ohnehin nicht. Dann also je früher, desto besser. Damit stecken sich die Paare gegenseitig an: Wer viele junge Eltern im Freudeskreis hat, entscheidet sich selbst viel eher dazu, jung Nachwuchs zu zeugen.

Beruf bei Partnerwahl sekundär

Der Beruf des Kindsvaters ist den Französinnen – anders als ihren deutschen Nachbarinnen – relativ egal. Vielleicht liegt das an einem größeren Selbstvertrauen? „Französinnen glauben daran, ihre Zukunft selbst meistern zu können, selbst ausreichend zu verdienen.“ Gut möglich, denn: „Sie arbeiten drei mal so häufig Vollzeit mit Kindern unter fünf Jahren wie die Deutschen.“ Die deutsche Frage: „Was macht dein Mann denn so?“ legt eine Französin auch ganz anders aus. In der Antwort beschreibt sie Charakter und Herkunft ihres Liebsten – aber nicht, womit er sein Brot verdient. „Französinnen ist vielleicht bewusster als uns Deutschen: Ein Mann, der Karriere macht, viel Geld verdient und ehrgeizig ist, hat automatisch weniger Zeit für die Familie.“

Je mehr Kinder, desto einfacher

Zwei oder mehr Kinder werden in Frankreichs Familien als weniger anstrengend als nur eines angesehen – denn dann beschäftigen sich die Kinder untereinander und verlangen nicht dauernd nach Bespaßung durch die Eltern. Nach dem Motto: Das dritte Kind wird ganz von alleine groß. Nur ein Kind zu wollen, wird als ungewöhnlich angesehen. Entsprechend die Linie des Staates: Kindergeld gibt's erst ab dem zweiten.

Bleibt die Frage: Wer kann sich die Großfamilie leisten? Annika Joeres hat nachgerechnet: „Alles in allem, zusammen mit den Steuervorteilen, bekommen durchschnittlich verdienende Familien mit drei Kindern mindestens rund 1000 Euro im Monat.“ Eine deutliche Entscheidungshilfe. „Selbst wenn einer von uns die Arbeit verlieren sollte, könnten wir uns unsere drei Kinder leisten – dann kommen wieder andere Zuschläge dazu. Der Staat sorgt für seine Familien, und das ist auch richtig so“, so eine kinderreiche Freundin der Autorin.

Kein Verlangen nach Extrawürsten

Alles in allem: In Frankreich passen sich die Kinder dem Leben der Eltern an, während deutsche Eltern dazu neigen, sich zu verbiegen. Das Essen ist ein Beispiel: Mortadella mit lustigen Gesichtern ist in Frankreich nicht üblich, ebensowenig spezielle Kinderspeisekarten mit Fastfood-Fraß wie Chicken-Nuggets; warum auch? Von Anfang an daran gewöhnt, schätzen auch die Kleinen schon die guten 4-Gang-Menüs der Erwachsenen. Anders hier: „Deutsche Familien sind es gewöhnt, für ihre Kinder etwas anderes zu besorgen oder zu Freunden gleich das Lieblingsgericht des Sohnes mitzubringen. Und so sind dann natürlich auch die Kinder konditioniert“, findet Joeres. Dermaßen auf den Sockel gehoben zu werden, ermutigt ein Kind ja geradewegs dazu, nach Extrawürsten zu verlangen.

Freiheitliche Frauen haben Tradition in Frankreich

Wo liegt die Wurzel all dieser Unterschiede? Die Philosophin Élisabeth Badinter erkennt in dem freiheitlichen Denken des 18. Jahrhunderts einen Einfluss auf das Idealbild der französischen Mutter. Von den Sorgen der Kindererziehung befreit, durfte eine Mutter der höheren Klassen damals ihren eigenen intellektuellen Interessen nachgehen. Die Kinder kamen über Jahre zu einer Amme aufs Land. Erst wenn sie in einem Alter waren, in dem sie als Gesprächspartner interessant wurden, holte die Mutter sie wieder zu sich. „Auf uns wirkt das heute gefühllos und sicherlich nicht vorbildlich“, räumt Joeres ein. Doch: „Das Ideal einer Frau, die sich und ihre Interessen pflegt und nicht alles dem Kind opfert, ist bis heute sehr stark.“

Man muss nicht immer perfekt sein

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, lautet eine Redensart. Ich möchte sie hier gern abwandeln in „Das Ideal liegt irgendwo in der Mitte“. Annika Joeres' Beobachtungen aus Frankreich geben viele interessante Einblicke, die Eltern hier ermutigen können. Doch vieles funktioniert in Frankreich eben nur dadurch so gut, dass es einen gesellschaftlichen Konsens über die Dinge gibt: die frühe Krippenbetreuung, die Berufstätigkeit der Mutter, das Vertrauen in Kita und Schulsystem, der Verzicht auf Unmengen an Förderkursen in jungem Alter. Und letztlich auch das Einverständnis mit diesem einfachen Satz, geäußert von einer französischen Freundin der Autorin: „Wir haben auch viel zu stemmen. Da können wir nicht immer perfekte Mütter sein.“ Und müssen es vielleicht auch gar nicht.

Annika Joeres: Vive la famille – Was wir von Franzosen übers Familienglück lernen können. Herder, Freiburg 2015.

Seid ihr im Herzen eine Französin? Oder könnt ihr ihren savoir-vivre in Bezug auf Kinder nicht nachvollziehen?


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