09.
Jun.
2016
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​Papa ist dann mal im Wald

Wie ein norwegischer Familienvater in der Wildnis zum Märchenhelden wird – Ein Erfahrungsbericht, zum nachmachen geeignet!

Wer sehnt sich nicht manchmal nach Waldeinsamkeit, vor allem jetzt im Frühling? Als Sehnsuchtslandschaft beschworen die romantischen Dichter den Wald, als Ort der Abkehr und Sinnsuche. Doch was ist heute noch dran an seinem Nimbus?

Einer, der auszog, um die Waldeinsamkeit in der Praxis zu testen, ist der norwegische Journalist und Familienvater Torbjørn Ekelund. Daraus ist ein wunderbar inspirierendes Buch entstanden: Im Wald. Kleine Fluchten für das ganze Jahr. Perfekte Lektüre für alle Papas, die vom Kurzzeit-Ausbruch aus dem Alltag träumen. Zum nachmachen geeignet!

Wiederkehrende Flucht auf Zeit

„Mikro-Expeditionen“, so nennt Ekelund sein Projekt: Jeden Monat, von Januar bis Dezember, zieht er für jeweils eine Nacht in die Wälder vor den Toren Oslos. Hier errichtet er einen Lagerplatz am See – fast immer ist es dieselbe Stätte – und macht nicht viel mehr, als die Natur auf sich wirken zu lassen. Und zwar allein. Es ist eine wiederkehrende Flucht auf Zeit: heraus aus dem Hamsterrad als Angestellter, Stadtmensch, Hausbesitzer, Partner, zweifachem Vater.

Was Ekelund antreibt, ist die Erforschung des Gegensatzpaares Kultur und Natur. „Wir leben in einer Zeit, in der ein Ausflug in den Wald als Heilmittel für mehr oder weniger jedes Leiden verabreicht wird“, schreibt er. „Wir glauben an den lindernden Einfluss der Natur. Während die Kultur zum Gegenstand präziser Analysen gemacht wird, genießt die Natur eine nahezu einhellige Verehrung. Wozu soll das gut sein? Und was ist eigentlich die Natur der Natur?“

Patient März auf der Psycho-Couch

Um das herauszufinden, ist es nur fair, dass Ekelund die Mühe auf sich nimmt, sich der Natur selbst auszuliefern. Dabei ist er weder Outdoorfreak noch Ökomissionar. Eine Leidenschaft fürs Fliegenfischen und Kindheitserinnerungen an Ferien im großelterlichen Waldhaus prägen ihn, darüber hinaus ist seine Beziehung zur Natur nicht wesentlich enger als die eines durchschnittlichen Norwegers.

In seinem Ton schlägt sich das angenehm wieder: unpathetisch ist er, niemals belehrend oder verklärt. Lustig an vielen Stellen, an dem Ekelund sein „Stadtvokabular“ auf die Natur überträgt. So heißt es über den März wegen seiner krassen Wetterunterschiede: „Müsste man dem März eine Diagnose stellen, würde sie 'bipolare Störung' lauten.“ Und über den April: „Multitasking ist kennzeichnend für die Natur im April ... Nach Monaten der Ruhezeit explodieren Flora und Fauna geradezu.“ Über Fliegenattrappen, einem Fliegenfischer-Bedarfsartikel, schreibt er: „Die früheren englischen Imitationsfliegen waren manchmal bunt bis an die Grenze der Geschmacklosigkeit. Besonders die Lachsfliegen erinnern an die Kostüme alter, westdeutscher Grand-Prix-Teilnehmer.“

Der Sohn wächst an den Aufgaben

Im warmen August darf auch sein 4-jähriger Sohn einmal mit zur Waldübernachtung, monatelang hatte ihn der Kleine bekniet. Was erleben sie nun Großes? Der Junge entdeckt Stöcke, die Schwertern ähneln, Heidekraut und verschrumpelte Himbeeren, und dann, ausgerechnet dieses Mal, verläuft sich der Vater. Doch bevor den Sohn die Angst übermannt, hat Ekelund ein Spiel erfunden und nimmt ihn wie den stolzen Ritter Don Quijote auf seinen Rücken.

Später am See bekommt der Sohn kleine Aufgaben beim Angeln zugewiesen und dem Vater fällt auf: „...er bewegte sich ganz anders, sicher und selbstbewusst, und seine ganze Gestalt ... zeugte von einem kleinen Menschen, der sich groß, ja, vielleicht größer als je zuvor fühlte.“ Es sind die Abenteuer im Kleinen, die so viele Wunder bergen. Zum Abschied werden Vater und Sohn mit dem Anblick einer Elchgruppe belohnt, die der Kleine mit einem munter gekrähten „Meinst du die Pferde, Papa?“ jedoch sofort in die Flucht schlägt.

Verwandlung zum Märchenhelden

Frühling, Sommer, Herbst und Winter - „Im Wald“ ist auch eine wunderbare kleine Philosophie über die Macht der Jahreszeiten. Über die stetige Veränderung als einzige Konstante der Natur. Über das Licht und die Wärme. „Im Wald“ ist eine Liebeserklärung an die Eintagsfliege und eine interessante Abhandlung über das Gedächtnis der Forelle. Und es gibt einen tollen Exkurs über evolutionär sinnlose Gefühle wie die Melancholie. Vor allem aber ist Ekelunds Buch der gelungene Beweis, dass man von kleinen Fluchten nicht nur träumen muss, sondern sie jederzeit, auch als berufstätiger Familienvater, in den Alltag integrieren kann.

Und Ekelunds Erkenntnis nach seinem 12-monatigen Experiment? „Man führt [im Wald] ein grundsätzlich praktisches Leben, und ich glaube, dass sich die Menschen hauptsächlich aus diesem Grund davon angezogen fühlen.“ So wie er selbst die „angenehme Leere“ in seinem Kopf genoss, die sich auf seinen Streifzügen einstellte; so wie auch er die Natur als Boss empfand, der alle Handlungen vorgab.

Dazu kommt die Fähigkeit der Natur, in jedem Menschen eine magische Verwandlung auszulösen: „Diese zwölf Übernachtungen haben meine Theorie bestärkt, dass es nur weniger Dinge bedarf, um sich wie der Held in einem Märchen zu fühlen. Es ist so einfach. Überall auf der Welt gibt es Wälder. Man muss einfach nur hineingehen.“


Torbjørn Ekelund: Im Wald. Kleine Fluchten für das ganze Jahr. Piper Verlag, München/Berlin 2016.


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