29.
Nov.
2016
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​Im Schneckentempo zum Glück

Die Slow Family lebt das, was Kinder wirklich brauchen – viel Zeit, Achtsamkeit, Natur. Das führt auch zu einem glücklicheren Planeten

Immer schön langsam, aber unaufhaltsam: die Slow-Bewegung ist den Familien angekommen! Nach Slow Food und Slow Travel gibt es jetzt also auch die „Slow Family“. Ihr Credo: Lasst uns langsam, achtsam, echt sein – dann erreichen wir viel besser, was wir uns vorgenommen haben. Der griffige Titel stammt von Julia Dibbern und Nicola Schmidt, die ein Buch gleichen Namens geschrieben haben: Slow Family. Sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern. Was beim langsamen Lifestyle herauskommt? Nichts weniger als die Rettung der Welt!

Dabei hatten die beiden Journalistinnen eigentlich nach einer Lösung für ganz andere Probleme gesucht: Sie wollten wissen, wie sie mit ihren Kindern möglichst „artgerecht“ umgehen können. Artgerecht ist der Name von Nicolas Projekt, das Eltern zu einem naturnahen Aufwachsen ihrer Kinder ermutigt, sich gegen Konsumwahn wendet und für eine bedürfnisorientierte Erziehung einsetzt – bekannt als Attachment Parenting. Viel Körperkontakt zur Mutter ist der Grundsatz dieser Erziehungslehre, Stillen, Tragen, Schlafen im Familienbett gehören dazu.

Gute Mischung aus Bauchgefühl und Fakten

„Gefunden haben wir eine eine Lösung für die Rettung unseres Planeten: Happy Families – Happy Planet“, schreiben Nicola und Julia. Damit machen sie natürlich ordentlich Wind um ihre Ratschläge – die sie jedoch sorgsam wissenschaftlich untermauern. Und das mochte ich auch gleich an ihrem Buch: diese gelungene Mischung aus Bauchgefühl und Fakten, aus Intuition und Theorie, aus Emotionalem und Sachlichem.

„Es gibt viele Wege, sich wohl zu fühlen. Slow Family Life lässt sich mit ein paar einfachen Entscheidungen überall herstellen.“

Ganz deutlich machen die Autorinnen zu Beginn, dass es sich bei ihrem Buch um keine dogmatische Handlungsanleitung handelt, sondern um eine Sammlung von Anregungen, die jeder individuell in sein Leben integrieren kann. „Wir haben festgestellt: Es gibt viele Wege, sich wohl zu fühlen. Slow Family Life lässt sich mit ein paar einfachen Entscheidungen überall herstellen.“ Und führt eben auch zu einem achtsameren Umgang mit unseren Mitmenschen und unserem Planeten – sei es nun in der Entscheidung gegen Wegwerfwindeln, für den Fußweg statt das Auto, für das Upcycling einer alten Jacke oder in der Fürsorge gegenüber einer einsamen älteren Nachbarin.

Zeitwohlstand als Fundament der Familie

Am Anfang von Nicolas und Julias Argumentationskette steht die „Familien-Bedürfnispyramide“. Sie zeigt auf, was für Familien im ersten Jahr mit Kind am wichtigsten ist: 1. Kind gesund, 2. schlafen, 3. essen. Die Autorinnen fügen dieser Pyramide als Fundament ein viertes Element hinzu: den Zeitwohlstand. Ein schöner Begriff, der deutlich macht, was unsere Kinder am meisten von uns brauchen und was jede Familie ihnen schenken kann. Inseln der Ruhe, der Aufmerksamkeit, des Innehaltens. Wenn wir am Tag zuwenige dieser Momente haben, leidet unsere Gesundheit und wird unser Umgang mit Kindern massiv eingeschränkt. Wissenschaftlich ausgedrückt: „Wenn wir unter Stress stehen, neigen wir eher zu ungünstigem Erziehungsverhalten. Unsere Selbstregulation ist dann herabgesetzt, wir neigen zu Überreaktionen... “ Sprich: Bei jeder Kleinigkeit geht Mama die Hutschnur hoch.

Absage an „Quality Time“

Bemerkenswert finde ich, wie Julia und Nicola den Begriff „Quality Time“ auseinandernehmen und verdammen als eine „Art, den Effizienzkult vom Büro auf das Zuhause zu übertragen.“ Es sei aber nun mal nicht möglich, in allzu knappe Zeitspannen all das Gute hineinzupacken, das man seinem Kind mitgeben will. Da haben sie einen Punkt! Diese Erkenntnis macht auch deutlich, dass es höchste Zeit ist, langsamer zu werden. „Sonst verpassen wir die besten Jahren mit unseren Kindern. Zeit, die wir nie wieder zurückholen können.“

Mit sieben Zutaten zur Entschleunigung

Welche sieben Zutaten müssen denn nun in den Kochtopf für unser entschleunigtes Familienleben, wie es der Buchtitel verspricht? Nicola und Julia setzen auf „Liebe“, „Natur“, „Achtsamkeit“, „Gemeinschaft“, „Ressourcen“, „Wissen“ und „Zauber“. In kurzen, unterhaltsamen Abhandlungen schildern sie ihre Definition der Begriffe:

- Unter „Liebe“ erfahren wir vom Glück der Präriewühlmäuse, die bekannt für lebenslange Paarbeziehungen sind, und von ihrer Trauer, wenn der Partner sie verlässt. Ein interessanter Exkurs zum Thema Bindung, Zugehörigkeit und die Liebe als Droge, die immer wieder erneuert werden muss. Neben der Liebe zu unseren Kindern geht es hier auch um Selbstliebe, Nächstenliebe und die Liebe zur Umwelt

- Die „Natur“ bietet die beste kostenlose Kur der Welt, nicht umsonst ist in Japan das sog. „Wald-Baden‟ als Anti-Stress-Therapie anerkannt: Puls und Blutdruck senken sich, Muskelspannungen lassen nach, leichte Depressionen können abgemildert werden, zudem bleibt man durch viel Naturkontakt auch im Kopf länger fit

- „Achtsamkeit“ lässt uns den Moment ganz auskosten – oder es zumindest versuchen. Auf dem Weg zum Bäcker einmal nicht Probleme wälzen, sondern den Vogelstimmen lauschen: „Jeder achtsame Moment kann uns der Ruhe und Freundlichkeit, die wir uns wünschen, näherbringen.“

- Die „Gemeinschaft hilft uns dabei, unsere Ziele zu erreichen, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, sie teilt unsere Zeit und schenkt uns Zuwendung. Hier gibt es einen interessanten Exkurs zu Buschleuten, bei denen das gegenseitige Beschenken wichtiger Teil der Kultur ist

- Zu unseren wichtigsten „Ressourcen“ gehört laut Bundesfamilienministerium: Humor. Im Ernst! Julia und Nicola zitieren hier eine vom Ministerium herausgegebene Liste an Familien-Ressourcen, darunter persönliche, materielle und außerfamiliäre. Und ergänzen eigene wie: Neuerfahrungen zulassen, Schlaf, Sonne, Bewegung und wieder einmal natürlich Zeit

- In keinem Haushalt sollte „Wissen“ fehlen; es lässt einen teilhaben an den Geschehnissen in der Welt, es stärkt und verbindet. Und Wissen tröstet auch, etwa wenn wir in Foren erfahren, dass viele Eltern mit ihren Kids gerade dieselben Probleme haben wie wir

- „Zauber“ ist das, was die Kinder an jedem Wegesrand entdecken: eine Blume, eine Raupe, einen Stein. Ein Zauber sind sie selbst: „Wer sich je mit der Biologie der Empfängnis beschäftigt hat, weiß, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Kind entsteht – und wenn es dann auch noch lebt, lacht, atmet, sogar gesund ist, dann ist das ein Wunder!“

Fazit: Das Buch wirkt!

In der zweiten Buchhälfte geht es dann ganz praktisch zu: Unter den Oberbegriffen Slow Village, Slow Nature und Slow Family Life erhalten wir alltagstaugliche Tipps, wie wir die sieben Zutaten in unser Familienleben zaubern können – das reicht vom Barfußlaufen über Putzrituale bis hin zum Schimpfwörterwettbewerb.

Mein Fazit: Ich habe das Buch superschnell gelesen, nicht nur, weil es so locker geschrieben ist, sondern auch, weil ich wegen vieler anderer anstehender Dinge unter Druck stand und mir nur mit schlechtem Gewissen Lektürezeit freigeschaufelt habe... Über das Paradoxon habe ich mich natürlich amüsiert; hektisch ein Entschleunigungsbuch zu studieren. Doch es hat gewirkt! Beim Lesen bekam ich von Seite zu Seite bessere Laune und konnte allmählich beschließen, all die Posten auf meiner To-do-Liste beiseitezuschieben, mich dem Moment zu widmen und ihn zu genießen: mit einem guten Buch auf dem Sofa zu sitzen. Einige der Anregungen, die es enthält, möchte ich gern auch künftig ins Familienleben einführen, gaaaanz laangsam natürlich :-)

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