26.
Aug.
2016
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Im Alleingang zum Wunschkind

Wie Singlefrauen ihren schwierigen Weg zur Familiengründung gehen, berichtet Anya Steiner in ihrem Buch „Mutter, Spender, Kind“

Single und schwanger... klingt erstmal nicht nach einer Idealkombination. Und doch gibt es viele Frauen, die ihre Schwangerschaft bewusst von Anfang an alleine planen. Das sind vor allem Frauen um die 40, die einen starken Kinderwunsch verspüren, aber denen zum passenden Zeitpunkt einfach der passende Partner fehlt. Andere haben gar nicht die Sehnsucht nach einem Partner, sondern lediglich nach der Mutterrolle. Für sie gibt es die verschiedensten Wege, den Traum von der Familiengründung auf eigene Faust anzugehen, nur ist nicht jeder von Erfolg gekrönt.

Die Berliner Autorin Anya Steiner stellt diese Frauen in einem ebenso aufschlussreichen wie aufwühlenden Buch vor: Mutter, Spender, Kind – Wenn Singlefrauen Familien gründen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie nicht „aus Versehen“ bei einem One-Night-Stand oder in einer Affäre schwanger wurden und sich dann trotz Aussicht auf alleinige Elternschaft für das Kind entschieden. Im Buch kommen ausschließlich Frauen zu Wort, die bewusst ihre Schwangerschaft als künftige Single-Mom planten – die meisten von ihnen durch Samenspende, andere durch Adoption oder Aufnahme eines Pflegekindes.

Vom Tabu zum Trend

Anya Steiner gehört selbst zu ihnen: Im Alter von 36 beschloss sie, sich lieber erstmal um ihren Kinderwunsch kümmern, als weiter nach einem potentiellen Lebenspartner zu suchen. Eine Samenspende führte bei ihr zur Schwangerschaft. Heute ist die 45-Jährige Mutter einer Tochter und betreut ein Internetforum für alleinstehende Frauen, die vor einem ähnlichen Entscheidungsweg stehen.

Die Autorin sieht in dieser Entwicklung einen Trend in unserer Gesellschaft, wenn auch ein nach wie vor tabuisierter, wie Steiner meint. „Das will ich mit diesem Buch ändern“, schreibt sie. „Sex ist von der Fortpflanzung entkoppelt, seit es Verhütung gibt. Nun entkoppeln diese Frauen Fortpflanzung von Sex. Das ist neu.“ Für die Frauen kann diese Erkenntnis eine befreiende Wirkung haben und ungebremste Energie freisetzen. Energie – das ist etwas, das jede Frau in hohem Maße braucht, die ihren Weg als Single-Mom plant. Dazu Geduld, Hartnäckigkeit, Flexibilität, Resilienz – und auch Geld.

Vom „bechern“ mit einem fremden Mann

Keine der im Buch porträtierten Frauen entspricht dem verbreiteten Klischee der Karrierefrau, die ihren Kinderwunsch zugunsten des Berufs verdrängt hat und dann kurz vor Torschluss panisch doch noch verwirklichen will. Ebenso wie die porträtierte Katrin war ihnen ihr Kinderwunsch dagegen schon immer präsent. Bei Katrin steht am Beginn ihrer Entscheidung für ein Kind die Trennung von ihrem Freund, der keine Kinder mehr haben will. Sie entschließt sich zu einer Behandlung in einer Berliner Kinderwunschklinik, die erfolglos verläuft. Schließlich bietet ihr Ex überraschend eine Samenspende an, durch die sie per Kryotransfer schwanger wird. Ein vorläufiges Happy end, inklusive Exfreund als Gelegenheitsvater.

Kryotransfer, IVF-Behandlung, Heiminsemination, ICSI – das sind alles Begriffe, die einer Frau mit Single-Mom-Ambitionen schnell vertraut werden. Steiner erklärt die Methoden der assistierten Empfängnis in ihrem Buch gut verständlich. So erfährt man auch, dass „bechern“ mit einem fremden Mann im Hotelzimmer nichts mit einer feucht-fröhlichen Nacht zu tun hat. In den meisten Fällen steht der Frau die Entscheidung frei, welche der Methoden sie wählen möchte, in anderen kommen aus gesundheitlichen Gründen nur bestimmte Verfahren in Betracht.

Kreislauf des Hoffens und Bangens

Mit einer Tragödie beginnt die Geschichte von Nele. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen entscheidet sie sich, ihren Kinderwunsch mit Hilfe von Spendersperma einer dänischen Samenbank umzusetzen. In der 20. Schwangerschaftswoche erfährt sie, dass ihr Kind schwerstbehindert, wahrscheinlich nicht lebensfähig sein wird. Im Buch erzählt sie von den harten Entscheidungen, die daraufhin treffen musste, und davon, wie sie Mut für einen Neuanfang schöpfte.

Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, diese Kinderwunschzeit zu erleben. Ich habe viel über mich gelernt und mit der Zeit festgestellt: Es gibt auch ein erfülltes Leben ohne eigene Kinder.

Einer Odyssee gleicht die Geschichte von Annette, die sich zunächst in einer Kopenhagener Hebammenklinik erfolglos einer künstliche Samenübertragung unterzog. Es folgt die Entscheidung für mehrere In-vitro-Fertilisations-Behandlungen. Ein jahrelanger Kreislauf des Hoffens, Bangens, Scheiterns und Neuversuchens beginnt. Zwei biochemische Schwangerschaften sind bittere Tiefpunkte auf Annettes Weg. Dies ist ein Phänomen, bei dem die Hormonwerte eine Schwangerschaft anzeigen, sich aber kein Embryo einnistet. Am Ende hat Annette die Kraft, Abschied von ihrem Kinderwunsch zu nehmen. „Ich bin zufrieden mit meinem momentanen Leben und dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, diese Kinderwunschzeit zu erleben. Ich habe sehr viel über mich gelernt und mit der Zeit festgestellt: Es gibt auch ein schönes und erfülltes Leben ohne eigene Kinder“, schließt Annette ihren Bericht.

Vielfältige Konstellationen nach der Geburt

Adoption im In- und Ausland, die Aufnahme eines Pflegekindes – dies sind weitere Möglichkeiten, die im Buch anhand von Erfahrungsberichten erläutert werden. Auch dies ein steiniger Weg, der sich über viele Jahre hinzieht, nicht nur, weil Paare in der Regel gegenüber Singles bevorzugt werden. Und wie lebt es sich schließlich mit einem „fremden“ Kind, das schon 2 oder 3 Jahre alt und entsprechend vorgeprägt ist, oftmals mit schlimmen Erfahrungen? Hier ist in den Berichten der Frauen oftmals von „Grenzen testen“ die Rede, und man spürt, dass dies eine Situation war (und ist), die ihnen ein vielfaches an Kraft abverlangt.

Eine wichtige Frage, die zudem jede Frau am Beginn ihres Weges zur Mutterschaft klären muss, ist die Rolle, die der genetische Vater anschließend spielen soll bzw. ob er eine Rolle spielen soll. Zu rechtlichen Grundlagen hierzu klärt Anya Steiner ebenfalls auf. Verschiedenste Konstellationen sind nach der Geburt denkbar: Einige Mütter bleiben alleinerziehend, andere teilen sich die Verantwortung für das Kind mit dem Spendervater in einer sog. Co-Elternschaft oder lernen einen neuen Partner kennen, der das Kind adoptiert. Manche ziehen in ihr Elternhaus zurück, um die Unterstützung der Großeltern hinzuzuziehen. Eine Alternative dazu sind WG's oder Mehrgenerationenhäuser.

Ein Anstoß zum Umdenken in der Politik

Doch wie auch immer die Frauen ihr Leben mit Kind organisieren, deutlich wird: es braucht ein Netzwerk, um den Alltag zu meistern. Hierfür gibt Steiners Buch zahlreiche Anregungen. Es ist ein Buch, das Frauen Mut macht, die sich ohne Partner ihren Kinderwunsch erfüllen möchten, ihnen aber auch alle Schwierigkeiten vor Augen führt.

„Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit verbunden ist die Hoffnung, dass dieser Lebensentwurf in der Gesellschaft als eine von vielen möglichen Familienformen akzeptiert wird“, schließt Anya Steiner. „Und dass dieses Buch einen Anstoß zu einem Umdenken auch in der Politik gibt, denn das geltende Recht, vor allem in den Bereichen künstliche Befruchtung, Unterhalt und Besteuerung, berücksichtigt die Konstellation Mutter-Spender-Kind nicht.“


Hier eine Auswahl an hilfreichen Internetseiten:

www.sfmk.info – Website des deutschen Netzwerks für Solomütter und Singlefrauen mit Kinderwunsch

www.singlemothersbychoice.org Website der von Jane Mattes gegründeten US-amerikanischen Bewegung Single mothers by choice

www.wunschkinder.net Portal zu ungewollter Kinderlosigkeit mit Infos und Austausch zu allen Themen rings um die assistierte Reproduktion

www.moses-online.de Portal zu Adoptionen und Pflegschaften in Deutschland

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