31.
Oct.
2015
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Die Primaten von Prenzlauer Berg

Ängste, Abgründe, Abrechnungen – Was Mütter von Manhattan bis Mauerpark gemeinsam haben

Stellt euch vor, sie träfen sich: Eine linke Berliner Wohnprojekt-Mutter und eine superreiche Manhattan-Mommy. Was hätten sie sich zu sagen? Mehr als erwartet, dachte ich überrascht nach der Lektüre zweier Neuerscheinungen dieses Jahres! Um diese Bücher geht es: „Primates of Park Avenue“ von Wednesday Martin – es beleuchtet die Welt der Upper East Side-Moms – und „Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling, angesiedelt in einem linken Wohnprojekt in Prenzlauer Berg. Ultra-Kapitalismus versus 68er-Erbe: und doch gibt's Schnittstellen, wenn's um die Kinder geht...

Feldforschung in High Heels

Wednesday Martin ist Verhaltensforscherin und hat mit „Primates" ein originelles, pseudo-wissenschaftliches Sachbuch verfasst. Darin analysiert sie die Regeln und Riten der Upper East Side-Mütter – ihre neuen Nachbarinnen. Vielleicht erinnert ihr euch an den Film „Gorillas im Nebel“ über die Anthropologin Dian Fossey? Statt mit Notizbuch in der Wildnis Ruandas treibt Wednesday Martin ihre Feldforschung in High Heels auf der Park Avenue. Daher der provokante Buchtitel.

Abrechnung mit den bösen Kita-Müttern

Als Auslöser für die Niederschrift mag man zunächst Rache vermuten: „Jeden Tag, nachdem ich meinen Sohn zur Krippe gebracht hatte, weinte ich. Nicht, weil es so berührend und süß war, ihn über die Schwelle in den Gruppenraum gehen zu sehen... Nein, ich weinte, weil die anderen Mütter so fies waren“, schreibt Martin. Sie ist ein Nobody an der Upper East Side. Die anderen Mütter ignorieren sie, keine lädt ihren Sohn zum Playdate ein. Martin ist nicht die Ehefrau eines „Master of the Universe“-Typs, in dessen Einflussbereich man sich sonnt. Irgendwie hat sie auch immer das Gefühl, etwas falsch zu machen. Und so beschließt Martin, den Upper East Side-Müttern mit den Mitteln der Wissenschaft auf den Leib zu rücken. Nach dem Motto: Wenn ich schon nicht dazugehören kann, dann will ich sie wenigstens begreifen lernen.

Ihre Außenseiterposition schafft hierfür die nötige Distanz. Doch letztlich treibt die Autorin ein Wunsch um, den alle Mütter teilen: zu einer sozialen Gruppe dazuzugehören. Und so ist ihr Buch zwar eine Abrechnung mit den bösen Müttern, aber auch ein Dokument ihrer unvermeidlichen Anpassung an den Verhaltenskodex ihrer Umgebung.

Abrechnung mit den Hippie-Eltern

Die Außenseiterrolle teilt Martin mit Anke Stellings Romanheldin Sandra aus "Bodentiefe Fenster". Diese Rolle ist hier noch schmerzlicher spürbar, da das „generationenübergreifende Wohnprojekt“, in dem Sandra lebt, doch eigentlich auf einem starken Gemeinschaftssinn gründet. Aber irgendwie scheinen hier alle außer Sandra besser mit dem geistigen Erbe ihrer 68er-Eltern zurechtzukommen. Scheinen sich mit den allgemeinen Widrigkeiten abgefunden zu haben.

Sie dagegen zerbricht allmählich an ihrem Unvermögen, die „Welt zu einem besseren Ort“ zu machen. Endlose Grübeleien über ihre Nachbarn und deren Kinder sind die Folge. Aggressionsschübe, Weinkrämpfe und Zweifel an ihrer Mutterrolle verdichten sich.

Groll gegen die „Richtigmacher und Rezeptverteiler“

Wednesday Martin und Romanheldin Sandra – beide eint ein Groll auf ihre Umgebung, mit der sie doch eigentlich gern in Harmonie leben würden. Sandra: „Wenn sie ahnten, dass ich eigentlich ganz anders bin, anders als sie... die Kitamütter und Elternvertreter, die Richtigmacher und Rezeptverteiler, all jene, mit denen ich mich messe... Ich bin besser und vor allem: interessanter als sie.“ Hier träumt Sandra davon, aus dem sicheren Alltagstrott der anderen auszubrechen, unangepasst und frei zu sein.

Genau dieses Zitat könnte in „Primates of Park Avenue“ stehen. Ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den verfluchten Nachbarmüttern scheint Wednesday Martin so manches Mal getröstet zu haben. Denn anders als diese ist Martin berufstätig und finanziell unabhängig. Martin ist zwar von hochausgebildeten Müttern umgeben, doch keine von ihnen geht seit der Geburt der Kinder mehr arbeiten. Als Glam-SAHM's (glamouröse Stay-At-Home-Moms) werden sie stattdessen zu einer Art Angestellten ihres Mannes. Martins West Village-geprägtes, freigeistiges Denken lässt sie so manches Mal den Kopf über die Upper East Side-Damen schütteln, die sich fast höfischen Strukturen unterwerfen.

Eine Parade der Ängste

Auffällig in beiden Büchern ist die unglaubliche Parade an Ängsten. Romanheldin Sandra ängstigt sich u.a. vor unheilbaren Krankheiten, dem Winter (... vor dem Schlittenfahren, zu dem ich sie [die Kinder] aus pädagogischen Gründen zwinge“), einem Burn-out, den eigenen Gedanken, Freunden ihrer Kinder, Sonntagen und der Geschenkefrage an Weihnachten. Doch auch die Angst, von den eigenen Kindern bloßgestellt zu werden, z.B. durch ihr Verhalten auf einer Party, gehört dazu.

Hier deckt sich ihre Angst mit der der „Park Avenue-Primaten“. Denn die perfekte Oberfläche ist ein wesentlicher Teil ihrer Mütteridentität. Karrieredenken im frühesten Kindheitsstadium gehört dazu. Von Angst getrieben, dass ihre Kinder das Aufnahmeexamen des Kindergartens nicht bestehen, engagieren Upper East Side-Mommies spezielle Tutoren zur Vorbereitung. Tatsächlich kann die richtige Krippe in Manhattan schon die Weichen für die ganze spätere Schullaufbahn stellen. Dazu kommt der Druck, alles richtig zu machen, eine perfekte Mutter zu sein, perfekt in Form, perfekt gekleidet. Die Angst vor Statusverlust durch Scheidung; finanziellen Absturz.

Kinder als Projekte

„In der Zeitung steht, dass die Eltern heutzutage durchdrehten, weil sie die Kinder nicht mehr für selbstverständlich nehmen, sondern zu ihrem Projekt machen würden...“, heißt es in Stellings Roman. Und ein Projekt muss man managen. Es kann optimiert werden. Sein Erfolg – und Misserfolg – liegt in der eigenen Verantwortung. Auch das eine Übereinstimmung zwischen den Mamis diesseits und jenseits des Ozeans. Erfolgreiche Manhattan-Mütter werden am Ende des Jahres sogar mit einem Bonus vom Ehemann belohnt, wenn ihre Geschöpfe eine tadellose Laufbahn vorweisen. Zur frühkindlichen Erziehung gehören diverse Kurse wie Stimmtraining und Mandarin. Für Kinder, die bei ihrer vollen Agenda verlernt haben, zu spielen, gibt es Playdate Consultants.

Eine Parade der Vergleiche

Der mütterliche Ehrgeiz zieht die Parade der Vergleiche mit sich: „Wir kämpfen. Wir vergleichen. Jedes Fehlverhalten der Kinder legen wir aus und legen es uns selbst zur Last. Spiegeln nicht die Kinder unser eigenes Fehlverhalten? ... Das wird immer schlimmer werden, wenn die Kinder älter sind, wenn sich nach und nach rausstellt, aus welchem was wird...“ ein Zitat aus Prenzlauer Berg, das in Uptown nicht anders klänge. Und wieder ist Angst der ständige Begleiter der Mütter.

Hinter den Fassaden

„Wir wissen inzwischen zu viel voneinander und sind gleichzeitig immer noch peinlich darauf bedacht, das Bild, das wir von uns selbst haben, gegenüber den anderen aufrechtzuerhalten.“ Während Sandra hier von ihren Nachbarn hinter den bodentiefen Fenstern spricht, musste ich an Wednesday Martins „Primates“ denken. Glanzvoll die Fassade, unschön die Probleme dahinter: Alkohol, Tabletten, Essstörungen, all die praktischen kleinen Angstkiller und perfiden Mittel der Selbstkontrolle. Sie gehören zum Leben einer Upper East Side-Mom dazu, und es wird kein großes Aufhebens darum gemacht. Die Ursachen und Folgen hat jede mit sich selbst auszumachen. Übereinander statt miteinander zu reden, das ist auch in Sandras Wohnprojekt längst Alltag geworden.

Anpassung oder Abgrenzung?

Bei Wednesday Martin heißt es „Ende gut, alles gut“. Sie findet nach Jahren der Hartnäckigkeit doch noch gute Freundinnen unter den Park Avenue-Müttern. Es sind Frauen, die sie mit ihrer Selbstironie und -reflexion beeindrucken und ihr den für ihr Buch so wichtigen Blick hinter die Fassaden gewähren.

Für Sandra liegt die Lösung in der Abgrenzung. Vor den harmlos plaudernden Müttern, mit denen sie sich auf einer Nordsee-Insel erholen soll, graust es sie schon bei der Anreise. Im Thalasso-Bad eines ostfriesischen Kurheims will sie sich ihren Willen zur Weltverbesserung jedenfalls nicht vernebeln lassen. Müde und verheult, aber ungebrochen – so reckt sie die Faust zur internationalen Solidarität aus dem Wattenmeer.

Könnt ihr euch mit einer der beiden Mütter identifizieren? Oder könnt ihr euch gut von Erwartungshaltungen frei machen?

Wednesday Martin: Primates of Park Avenue: A Memoir. Simon & Schuster, New York 2015.

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster. Verbrecher Verlag, Berlin 2015.


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