29.
Mar.
2017
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In den Hügeln von Nirgendwo

Mit Frust und Witz: Johanna Wieninger beleuchtet in „Von Babys & Briten. Anekdoten einer Expatmama" deutsch-englische Verständigungsprobleme

Das Expatmama-Leben stellte ich mir gern glamourös vor, angenehm und spannend. Da wird man mit Kind und Kegel von der Firma des Mannes ins Ausland entsandt, ist finanziell abgesichert und kann unbeschwert seine Zeit mit den Kindern und der Erkundung der neuen Umgebung verbringen. Was will man mehr?

Hmmm... wie wär's mit sozialem Anschluss... oder wenigstens Spazierwegen? In den britischen Midlands hatte Johanna Wieninger lange Zeit keines von beidem. Wie ernüchternd der Alltag als Mama in einem fremden Land sein kann, erzählt sie in ihrem Buch Von Babys und Briten. Anekdoten einer Expat-Mama mit trockenem Humor. Damit passte die junge Mutter aus Deutschland ja schon mal ganz gut zu ihren neuen Nachbarn. Ansonsten tauchten aber einige unerwartete Hindernisse bei Johannas Integrationsversuchen im neuen Umfeld auf.

Bei der House Warming Party bleibt die Hütte kalt

Ab 2004 war das Dörfchen Hollowell, zwei Autostunden nördlich von London in einer sanften Hügellandschaft gelegen, für vier Jahre ihre Heimat. Ihr Mann Mats schraubte im Auftrag seiner Firma im Nachbarort Formel-1-Motoren zusammen. Eine Kurz-Charakterisierung ihres Hauses, einem ehemaligen Bauernhof: keine Steckdosen im Bad, Wände wie Papier, zugige Balkontüren, Schafe vor dem Fenster. Noch dazu liegt es so versteckt, dass selbst der Briefträger kaum es findet.

Ihre kleine Tochter, so stellt sich schnell heraus, bietet Johanna dank ihrer Nanny zunächst den einzigen Link zum Austausch mit der Umgebung. So denn überhaupt mal eine Menschenseele auf den Straßen von Hollowell gesichtet wird. Leider kündigt die Nanny bald, denn Johanna ist ihr zu viel zu Hause (sie arbeitet an ihrer Dissertation in Politologie – wo sollte sie also hin?). Eine Einladung zur House Warming Party bringt leider auch nicht weiter: trotz Reminder-Anrufe vergessen die meisten Eingeladenen sie ganz unbekümmert. Oder ist dies eine besonders perfide Methode, abzusagen ohne absagen zu müssen?

Phlegma im Kindergarten

Dann also doch erstmal Mitglied im Club deutscher Ehefrauen werden, einer kleinen Enklave, die Johanna immerhin vor der „sozialen Verwahrlosung“ bewahrt. Der endlich ergatterte Kindergartenplatz für Tochter Maja erweist sich leider als Reinfall: „Etwas, woran unsere deutschen Seelen fast verzweifeln, ist ein gewisser Phlegmatismus, der hier geradezu an jeder Ecke herumlungert und mit dem auch manche Kindergärtnerinnen ihr Werk versehen.“ Ein Beispiel? „Man macht sich nicht die Mühe, den Gruppenraum zu durchqueren und die neue Mutter, vor allem aber das neue Kind zu begrüßen oder sich vorzustellen.“ Da sind wir aus Deutschland wirklich einen anderen Zinnober gewohnt!

Aber Johanna bleibt hartnäckig auf ihrer Suche nach adäquaten einheimischen Kontakten. Nicht zuletzt trägt ihre erneute Schwangerschaft dazu bei, tiefer ins englische Alltagsleben einzutauchen – allerdings auf nicht gerade angenehme Weise. Die Vorsorgeuntersuchungen finden in einem spartanischen General Hospital statt, wo auch später Johannas Entbindung zu einer ungewollten Zeitreise in dunkle medizinische Vorzeiten wird – jedenfalls aus deutscher Sicht. „In so einem Krankenhaus würde es mich nicht wundern, wenn es Fälle von Wunderheilung gegeben hätte und Lahme wieder gehen konnten. Hier schaut man, dass man schnell heimkommt“, lautet Johannas Resumée.

Diese Erklärung passt für alles: „He's a boy“

Später wird Johanna noch einige Male in den zweifelhaften Genuss der Hospitalbehandlungen kommen. Ihr kleiner Sohn Finn zieht sich eine Platzwunde am Kopf zu. „Mit Klammerpflastern wurde mein blutendes Kind auf englische Art geflickt und meiner Furcht, es könnte eine hässliche Narbe über dem Auge bleiben, trat man freundlich lächelnd mit dem Standardspruch entgegen: 'He's a boy'.“ Das scheint in England als Erklärung für fast alles zu dienen! Er schläft noch nicht durch? „He's a boy.“ Er isst für drei? „He's a boy.“ Gelegentlich erweitert um „He's gonna be a great rugby player.“ Sanfte Nachsicht für die kleinen, toughen Prinzen!

Nachmittägliche Playdates, so stellt sich heraus, sind in England nicht üblich. Englische Kinder essen schon zur Tea Time um 17 Uhr zu Abend, so dass die „drei K's des klassischen Mütteralphabets (Kaffee, Kuchen, Kinder)“ ab 15 Uhr fast unbekannt sind. Verabredungen, sogar Kindergeburtstage, finden morgens oder am frühen Nachmittag statt. Da gilt es nach wie vor viele Stunden mit den Kindern allein zu meistern. Doch dank ihrer Beharrlichkeit entsteht für Johanna allmählich das erhoffte Netzwerk an Freundschaften.

Nach vier Jahren England blickt sie wehmütig zurück auf die vier Jahre, in denen sie immer darauf achten musste, sich durch ihr Deutschsein nicht „polternd wie ein Elefant im Porzellanladen zu bewegen“ und mühselig den Unterschied zwischen Gesagtem und Gemeintem bei ihren englischen Gesprächspartnern zu erahnen.

Je besser die Mamas die Auslandsjahre meistern, desto erfolgreicher wird die Expat-Zeit für die ganze Familie.

Zurück zu Hause beschließt sie, es anderen Expatmamas künftig ein bisschen leichter zu machen. Sie gründet die deutschsprachige Website Expatmamas, um Frauen weltweit zu vernetzen und mit wichtigen Infos zu versorgen. „Es war eine tolle, intensive Zeit mit einem Kleinkind und einem Baby, in der ich aber auch viele Fragen hatte, die ich niemandem stellen konnte“, erklärt Johanna. „Deshalb habe ich die Expatmamas-Website ins Leben gerufen, denn ich bin überzeugt: Je besser die Mamas die Auslandsjahre meistern, desto erfolgreicher wird die Expat-Zeit für die ganze Familie.“

Deutsche Mamas, die mit ihren Familien in allen Teilen der Welt leben, sind auf der Website und in ihrer Facebook-Gruppe aktiv. „Jede Nachricht, jeder Kommentar, der mir sagt, dass ich jemandem weiterhelfen konnte mit meinem Angebot, freut mich unglaublich“, sagt Johanna. „Wenn sich dann noch in der Facebook-Gruppe Kontakte ergeben à la 'Was, du kommst nach Singapur? Da bin ich auch, meld‘ dich bei mir' – dann hab ich das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben.“

Geteilter Frust über das letzte Fettnäpfchen

Zwar birgt jedes Land seine eigenen Herausforderungen, ist jedes Kind anders und hat auch jedes Alter seine speziellen Herausforderungen, aber der gemeinsame Nenner, der alle Expatmamas eint, ist die Frage, wie man am Besten mit den Veränderungen umgeht. Wie man das Fremdsein aushält. Wie man seine eigenen Wünsche und Ziele trotzdem im Auge behält. „Leider werden die Partner und Familien bislang von den entsendenden Firmen nur sehr stiefmütterlich behandelt“, sagt Johanna. Mit ihre Webiste möchte sie gern dazu beitragen, dies zu ändern. „Ich habe gesehen, dass der Bedarf da ist, sich auszutauschen, jemanden zu haben, der sich den Frust anhört, wissend lächelt, wenn man das letzte Fettnäpfchen beichtet oder sich mitfreut, wenn man eine Hürde genommen hat.“


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