12.
Aug.
2016
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Aufbruch in die Steinzeit

In ihrem fesselnden Bericht „Eine Familie zieht in die Wildnis“ erzählt Line Fuks von ihrer radikalen Zivilisationsabkehr in den Wäldern Wisconsins

Habt ihr schon mal mit euren Kindern im Freien übernachtet, vielleicht sogar im Wald? Das Essen am Lagerfeuer gekocht, dem Käuzchen gelauscht, morgens im einsamen See gebadet? Davon träume ich manchmal. Ob's vielleicht mein Alptraum ist, kann ich noch nicht sagen...

Eine geradezu radikale Naturverbundenheit lebt die Wildnisfamilie, von der ich gleich fasziniert war. Eine Regenbogen-Patchwork-Familie aus Süddeutschland – zwei Frauen, sieben Kinder –, die in der völligen Abkehr von Konsum, zivilisatorischem Komfort, den Zwängen des Schulsystems so autark wie möglich inmitten der Natur Portugals in Zuhause gefunden hat. In mehreren Büchern teilt die Familie ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Besonders spannend: Eine Familie zieht in die Wildnis von Line Fuks, in dem sie über ihr sog. Yearlong in der Wildnis Nordamerikas berichtet. Dort haben sie als Teilnehmer eines einzigartigen Programms monatelang fast wie in der Steinzeit gelebt.

Hunger nach Selbsterkenntnis und Naturnähe

Ihre sieben Kids waren zu diesem Zeitpunkt 3, 11, 13 und 14 Jahre alt. „Sowohl in der Planungsphase als auch nach diesem Erlebnis waren die Menschen um uns herum fasziniert, irritiert, bestürzt, bewunderten uns oder hielten uns für fahrlässig...“, schreibt Line Fuks. „Keiner von ihnen war jedoch in der Lage, wirklich ermessen zu können, was ein Wildnisjahr bedeutet... Wir selbst ja auch nicht.‟

Mit nur wenigen Utensilien aus der Zivilisation wagen sie den Aufbruch in die Welt der Wölfe und Bären: ein Zelt, Schlafsack und Decken, Kleidung, Messer, ein Topf und ein Tarp (eine Art Sonnensegel). Organisiert wurde der Trip von der Teaching Drum Outdoor School in den USA. Sie bietet den einzigartigen knapp 1-jährigen Wildniskurs für Familien in den nördlichen Wäldern Wisconsins an. Während dieser Zeit leben Menschen aus aller Welt gemeinsam als Clan in der Wildnis und erlernen vielfältige Fähigkeiten fürs Leben bzw. Überleben in der Natur.

„Diese Kurse wurden geschaffen, weil uns die moderne Lebensweise von der Erde, voneinander und von unserem eigentlichen Selbst entfremdet hat“, heißt es auf der Teaching Drum-Website. „Viele von uns tasten sich mit einer abgründigen inneren Leere durchs Leben, verwirrt und frustriert von dem ungestillten Hunger nach Selbsterkenntnis und bedeutsamen Beziehungen.“

Diskussionen und Zerwürfnisse im Clan

Der Clan von Line Fuks und ihrer Familie besteht aus insgesamt 25 Erwachsenen und 17 Kindern – viel Raum für Beziehungen und Erkenntnisse. Was das bedeutet, wird schnell klar: Diskussionen über jedes Detail des Zusammenlebens. Das Ringen um Konsens. Zerwürfnisse. Ein ewiger Streitpunkt ist der Vegetarismus der Familie, der von den anderen als wenig wildnis-konform empfunden wird. Der Rest des Clans hingegen wird von Zeit zu Zeit mit „Roadkill“ versorgt – Tiere, die auf der Straße überfahren wurden. Uh!

Und davon abgesehen ein ordentlicher Bruch mit dem schönen Steinzeitleben! Noch mehr Zivilisationsprodukte schleichen sich ins Programm: Schwimmwesten, Antibiotika, Zahnpasta... „Ja, von Anfang an waren da Widersprüche, die wir nicht nachvollziehen konnten“ sagt Line. „Manche Dinge hatten ganz banal mit versicherungstechnischen Dingen zu tun. An uns haften der Geruch von Weichspüler und Haarshampoo und eben auch die Regeln und Gesetze von Ländern. Einige Dinge wie Zahnbürsten, Zahnpasta und Kämme waren in meinen Augen aber ein fauler Kompromiss und ich habe nie wirklich begriffen, warum sie gemacht wurden.“

„Es ist ein Fortschritt, dieses verwildern, kein Rückschritt“

Abgesehen von Tieren steht Paleo-Diät auf dem Speiseplan: Gemüse, Beeren, Nüsse, Eier... Und ewig knurrt allen der Magen. Weitere Streitereien um Bedürfnisse und Belastbarkeitsgrenzen folgen. Nach einer Reihe zermürbender Morgenmeetings sondert sich Line Fuks mit ihrer Familie schließlich von den anderen ab. In einiger Entfernung vom Clan leben sie ihren individuellen Wildnistraum. Der Clan erscheint ihr viel zu sehr als ein Abbild der zivilisierten Welt, die sie doch gerade verlassen wollten. „Vielleicht bin ich doch schon zu wild, um mich hier anzupassen?“, schreibt Line. „Es ist ein Fortschritt, dieses verwildern, kein Rückschritt.“ An ihren neuen Zeltplatz blüht die Familie auf: „Wir allein tragen die Verantwortung, unser Leben zu gestalten... Endlich fühlen wir uns wieder wichtig und gebraucht und vor allem frei, das zu tun, was wir wollen, ohne uns anzupassen und rechtfertigen zu müssen.“

Unvergessliche Momente in der Natur

Trotz ihrer kritischen Worte über das Clan-Konzept dominieren für Line wunderbare Erlebnisse in der Wildnis, die ihr ein Leben lang kostbar bleiben werden. Sie beschreibt sie unprätentiös und fesselnd: Eine Kanufahrt durch den Nebelschleier; die Stille, die nur unterbrochen wird durch das Eintauchen des Paddels und das Aufklatschen der Wassertropfen. Das kühle Wasser des Sees auf ihrer Haut, nachdem sie sich endlich getraut hat, durch den tiefen, glitschigen Morast am Ufer hindurchzulaufen. Der Duft der Tannennadeln, der glitzernde Sternenhimmel über ihr. Das Atmen ihrer schlafenden Kinder, während in einiger Entfernung die Kojoten heulen. Die Verzweiflung darüber, mit dem Drillbogen kein Feuer entfachen zu können, um es nach tagelangem Üben endlich doch zu schaffen.

„Ich unterteile die Erlebnisse oder Erfahrungen des Yearlong nicht wirklich in positiv und negativ“, sagt sie. „Es sind soviele Erinnerungen, die haften geblieben sind in meinem Herzen. Manche liegen dort als ein Lachen, und andere Erinnerungen haben eine Träne an sich kleben. Und doch gehört beides dazu, um ein Gesamtbild zu ergeben.“


Neben dem besprochenen Buch hat Line Fuks, die übrigens gelernte Kinderkrankenschwester ist, weitere spannende Berichte verfasst. In Aussteigen - Umsteigen - Einsteigen lüftet sie das Geheimnis, wie sie ihr Reiseleben finanzieren können. Darüberhinaus bietet sie Coachings an, die dabei helfen sollen, den eigenen (Aussteiger-)Traum zu leben. Wer die Wildnisfamilie einmal selbst in Portugal besuchen möchte, hat die Möglichkeit, ihr Crowdfunding-Projekt zu unterstützen. Geplant ist, ein vier Hektar großes Grundstück zu erwerben, auf dem ein Gästehaus entstehen soll.

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