08.
Dec.
2015
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O du schreckliche

Für Perfektionistinnen ist die Weihnachtszeit ein Alptraum. Jetzt gibt es ein spezielles Gelassenheits-Training für sie

Kühler Kopf trotz Chaos? Vor dieser Herausforderung stehen jetzt viele Mütter. Es ist Adventszeit und neben Job, Kids und Haushalt bleibt meist auch noch die ganze Weihnachtsvorbereitung an ihnen hängen. Für manche wird die Belastung so groß, das sie professionelle Unterstützung suchen: Kirsten Jessen ist Mentalcoach und hat ein spezielles Trainingsprogramm für mehr Gelassenheit in der Adventszeit entwickelt. Sie ist zudem Studienrätin und kennt daher ihre Klientel gut: übermotiviert, angstgetrieben, der Terminkalender übervoll. Ich durfte Kirsten Jessen zu ihren Tipps befragen.


Saint Iva: Wer lässt sich denn von Weihnachten so stressen?

Kirsten Jessen: Die Frauen, die zu mir kommen, sind Hochleistungsmütter, Perfektionistinnen, häufig am Rande des Nervenzusammenbruchs. In der Vorweihnachtszeit verdichtet sich der ganze Stress nochmal durch ihre vielen Verpflichtungen: Weihnachtsfeiern in Kita, Schule, Büro, Verein, dazu kommen die ganzen Besorgungen, die Menü- und Gästeplanung. Andere verbringen die Feiertage mehr oder weniger auf der Autobahn zwischen weit entfernten Familienterminen.

Ich arbeite ja ganzjährig als Coach und zeige Eltern Wege auf, wie man aus der Stressfalle ausbricht, die sich durch Schule oder Prüfungsängste ergibt. Diese Methoden kann man auch wunderbar in der Adventszeit einsetzen. So entstand die Idee für mein spezielles Coachingangebot.


Wie können Mütter aus ihrer Dauer-Anspannung herausfinden?

K.J.: Den Weg dazu arbeite ich individuell heraus. Jede Frau hat ja ihre eigene Motivation, warum sie so perfekt sein möchte. Aber für alle stehen drei wichtige Fragen am Anfang: Was erwarte ich von mir; was erwarten andere von mir; was glaube ich, was andere von mir erwarten. Wenn wir das geklärt haben, sind wir schon einen großen Schritt weiter. Denn dabei wird vielen Müttern klar, dass es vornehmlich sie selbst sind, die sich die Erwartungshaltung fast unerreichbar hoch gesteckt haben.

Im zweiten Schritt geht es daran, ihre Resilienz zu stärken – also ihre Widerstandskraft. Dabei bitte ich die Frauen, sich an eine Situation zu erinnern, in der sie sich besonders stark, souverän und wohl gefühlt haben, es ist wie eine Traumreise in eine vergangene Situation. Man kann lernen, diese positiven Gefühle von damals bei Bedarf wieder abzurufen und dadurch in besonders stressigen Momenten Stärke in sich zu finden.

Eine andere sehr erfolgreiche Methode ist das Schutzschild. Stellen Sie sich vor, das Chaos tobt um sie herum, die Kinder streiten, der Weihnachtsbaum fällt um usw. – aber sie haben ein inneren Rückzugsraum, der ihnen Ruhe gibt. Bei mir ist das ein Ei, ein umhüllendes, wärmendes Ei, an dem der Stress wie Regen abperlt. Andere stellen sich einen Schutzschirm wie im Raumschiff vor, eine Mauer oder einen Kokon. Auch das kann man mit ein bisschen Training sehr effektiv einsetzen.

„Unser Unterbewusstsein ist wie ein Eisberg: Zu 90 Prozent liegt es unter Wasser. Mit unserer Sprache können wir es positiv beeinflussen."

Außerdem arbeite ich mit Sprache. Unser Gehirn ist so beschaffen, dass es negative Botschaften nicht in positive übersetzen kann: Beim Satz „Hab' keine Angst vor der Mathearbeit“ bleibt automatisch nur das Wort 'Angst' hängen. Viel besser wäre: „Du wirst die Mathearbeit gut schaffen!“. Es ist sehr nützlich, auch mit sich selbst positiv zu sprechen. Unser Unterbewusstsein ist ja wie ein Eisberg, von dem 90 Prozent unter Wasser liegt. Wir können Einfluss auf das Unterbewusstsein nehmen, wenn wir auf unsere Sprache achten. Statt sich innerlich die abzuhakenden Erledigungen wie einen Berg aufzutürmen, kann man es auch positiv formulieren: „Ich werde X erledigen, und dann auch noch Y und Z schaffen.“


Woher kommt denn eigentlich dieser Drang nach Perfektion?

K.J.: Wir haben eine Gesellschaft mit Frauen, die eine tolle Ausbildung haben und gern viel leisten möchten im Job. Wenn sie dann Mütter werden, unterschätzen viele diese Doppelbelastung. Sie schrauben die Anspruchshaltung an sich selbst so hoch, dass sie sich völlig aufreiben bei dem Versuch, alles unter einen Hut zu bekommen. Sogar ein perfektes Aussehen gehört für viele dazu. Dabei ist es in den meisten Fällen gar nicht mal die Umwelt – der Ehemann, die Schwiegereltern etc –, die diesen Perfektionismus verlangen würde; es kommt aus den Frauen selbst.

Auf Elternabenden erlebe ich oft einen regelrechten Konkurrenzkampf unter ihnen, wenn es zum Beispiel darum geht, wer sein Kind am meisten fördert. Damit sind Hobbys wie Klavier oder Geige spielen gemeint, nicht die Nachhilfe – das gibt keiner gern zu. Es geht nur noch um Leistung statt Spaß.


Warum fällt das Ausbrechen aus diesem Verhalten so schwer? Es kommt mir so fremdgesteuert vor. Dabei haben Sie es doch mit einer hoch gebildeten und eigentlich sehr selbstbewussten Klientel zu tun.

K.J.: Tief in sich drin sind sie überhaupt nicht selbstbewusst. Da ist Angst. In der Regel haben sich diese Eltern ihren Status selbst erarbeitet, da waren die Eltern zum Beispiel noch Handwerker. Daher hat diese Klientel immer Angst vor sozialem Abstieg. Wir leben hier in einer sicheren Gesellschaft, es bedrohen uns keine Kriege oder Hungersnöte; und so rückt die Abstiegsangst in den Fokus.


Könnten sich diese Eltern nicht an die eigene Nase fassen und feststellen, dass sie es selbst ja auch geschafft haben, ohne dass ihre eigenen Eltern sie permament gefördert und kontrolliert hätten?

K.J.: Ja, das stimmt. Ihr Verhalten zeigt uns, dass sie die eigene Leistung gar nicht mehr richtig zu würdigen wissen. Und sie vertrauen ihren Kindern nicht. Da gibt es Mütter, die richtig aufgebracht werden, wenn man ihnen rät, ihre Kinder einfach mal machen zu lassen. Stattdessen ist der Blick immer auf Optimierung und Kontrolle ausgerichtet. Da gibt es den Begriff der „Helikopter-Eltern“, sie kreisen wie Bodyguards über ihren Kindern. Oder die Schlittschuhmütter: Sie wären als Kind selbst gern Eisprinzessin gewesen. Aus verschiedenen Gründen war das nicht möglich, ob wegen mangelndem Talent oder fehlender Finanzen. Diesen Wunsch projezieren sie heute aufs eigene Kind, ganz gleich, was seine eigentlichen Interessen sind. Kinder möchten ihre Mutter eine Freude machen und so zwängen sie sich dann in diese Rolle. Eine fatale Situation. Und ihre eigene Gestresstheit überträgt die Mutter auch aufs Kind.


Nochmal zurück zu Weihnachten. Was raten Sie in Bezug aufs Beschenken? Manche Kinder quälen ihre Eltern in der Vorweihnachtszeit ja mit täglich neuen Wünschen, einer kostspieliger als der andere...

K.J.: Kommt darauf an, was Sie erreichen möchten. Vielleicht möchten Sie dem Kind zeigen, dass Sie alles ermöglichen können, dass es alles haben kann, was es will. Vielleicht möchten Sie aber auch, dass das Kind Maß halten lernt und auch kleinere Dinge wertschätzt. In jedem Fall kann ein traditioneller Wunschzettel ein guter Weg sein, und zwar mit fest vereinbartem Abgabetermin beim Weihnachtsmann. Die Wünsche darauf sollen nach Priorität aufgelistet werden. Und es ist günstig, dem Kind vorher klar zu machen: Wünsche sind Dinge, die nicht immer erfüllt werden müssen. Das gilt leider das ganze Leben lang ;-)



„Cool bleiben in der (Vor-)Weihnachtszeit“ heißt Kirsten Jessens spezielles Coaching-Angebot. Es eignet sich auch als Geschenk, da es über Skype oder FaceTime durchgeführt werden kann. Mehr über Kirsten Jessen und alle ganzjährigen Workshops (darunter auch Seminare für Lehrer) findet ihr auf ihrer Website www.schulcoach-jessen.de

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