21.
Oct.
2016
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Modernes Bullerbü

In Finnland wird Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht diskutiert, sondern gelebt. Im Alltag bleibt das Familienleben oft auf der Strecke

Ein Bild, das auf den Winter einstimmt! Karen Fey, Expat-Mama in Finnland, hat mir für meine Reihe über Working Moms aus aller Welt aber nicht nur schöne Fotos geschickt, sondern in jeglicher Hinsicht den Horizont erweitert. Karen stammt aus Jena ist eher durch Zufall nach Finnland geraten. Die Biologin hat im hohen Norden ihre Diplom- und Doktorarbeit geschrieben und sich in Land und Leute verliebt. Ihr Forschungsgegenstand – Wühlmäuse – brachten ihr den Spitznamen „Mäusedoktor“ ein, so lautet auch die Übersetzung ihres Blognamens Myyrätohtori. Live aus Turku berichtet sie über das Leben in einem Land, das aus mehr besteht als Nokia, Hardrockbands und vermeintlichen zehn Monaten Schnee im Jahr. Außerdem geht es natürlich um ihren Alltag mit ihrem Ehemann und den drei Kids im Alter von 5,8 und 10.

Saint Iva: Kannst du uns Turku näher beschreiben?

K.F.: Ja, ich wohne jetzt seit 13 Jahren in Turku, einer mittelgroßen Stadt in Südwestfinnland. Früher war Turku sogar mal Finnlands Hauptstadt, und 2011 war Turku europäische Kulturhauptstadt. Wie viele finnische Städte ist auch Turku einmal fast komplett abgebrannt, so dass außer dem Dom und einigen wenigen Stadtvierteln mit Holzhäusern nicht mehr viele alte Gebäude erhalten sind.

Das Beste an Turku aber ist sowieso seine Umgebung. Turku liegt an der Ostsee, die hier aber ganz anders aussieht als in Deutschland: Im ans Festland angrenzenden Schärenmeer befinden sich hunderttausende Inseln und Inselchen. Auf manche kann man mit Verbindungsfähren oder kostenlosen Autofähren gelangen, für andere braucht man ein eigenes Boot.

Wie ist der Alltag mit Kids in deinem Viertel?

K.F.: Wir wohnen in einem Stadtteil mit vielen Reihenhäusern und Eigenheimen, und das Beste daran ist, dass es hier viele Kinder gibt. In unserem Viertel gibt es eine Kita und eine Schule für Schüler der 1. und 2. Klasse im gleichen Gebäude. Fast alle Kinder aus unserem Viertel gehen da hin.

Wenn die Kinder aus der Vorschule in die Schule wechseln, ist das gar keine große Umstellung, da sie die Räume, die Lehrer und die meisten ihrer Mitschüler schon kennen. Die Schulkinder laufen allein in die Schule und zurück. Abends ziehen die Kinder, so ab ca. Vorschulalter mit 6, oft gemeinsam um die Häuser. Mir kommt das oft vor wie ein modernes Bullerbü, und ich bin sehr froh, dass unsere Kinder so aufwachsen können.

Ab wann gehen die Moms in deinem Umfeld üblicherweise wieder arbeiten?

K.F.: Der Mutterschutz endet 10 Monate nach der Geburt, danach kann man bis zum dritten Geburtstag des Kindes Elternzeit nehmen. Die meisten Eltern bleiben nach dem Mutterschutz noch ein paar Monate zu Hause, aber die meisten fangen zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag der Kinder wieder an zu arbeiten, und zwar üblicherweise Vollzeit.

Wie ist die Betreuungssituation der Kids organisiert?

K.F.: Wenn beide Eltern wieder arbeiten gehen, gehen die Kinder üblicherweise ganztags in die Kita, unter Dreijährige oft auch zu Tagesmüttern. Für Erst- und Zweitklässler gibt es einen Hort, die Älteren gehen nach der Schule direkt nach Hause, und es ist durchaus üblich, dass sie jeden Nachmittag ein paar Stunden ohne Eltern sind. Außerdem gibt es in unserem Stadtteil einen Spielplatz mit „Parktante“, zu der man für wenig Geld sein Kind zwischen 9 und 12.30 Uhr zum Spielen bringen kann. Das nutzen vor allem Eltern, die mit kleineren Geschwistern im Mutterschutz sind, für die größeren Geschwister.

Wie präsent ist das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf‟?

K.F.: Überhaupt nicht, weil es völlig normal ist, dass beide Eltern arbeiten gehen, und zwar Vollzeit. Jedes Kind hat Anrecht auf einen Ganztagsbetreuungsplatz, vier Monate nach Antragstellung, bei Bedarf – plötzliches Jobangebot oder Studienbeginn – auch innerhalb von zwei Wochen. Für Kinder von Schichtarbeitern gibt es Kitas, die auch Abendbetreuung bis 22 Uhr anbieten, oder sogar 24h-Kitas.

Andererseits ist es hier völlig normal, dass Eltern um 16 Uhr Feierabend machen, um ihre Kinder aus der Kita abzuholen, oder dass jemand während seiner Doktorarbeit schwanger wird und ein Jahr Babypause macht.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht/irritiert?

K.F.: Überrascht hat mich, wie sehr und oft sich Väter um ihre Kinder kümmern – sie in den Kindergarten bringen, mit ihnen auf dem Spielplatz sitzen, Dinge mit ihnen unternehmen – das war damals, um das Jahr 2000, in Deutschland noch nicht so.

Alles ist eine Folge äußerst effizienter Organisation... Wirklich gemeinsame Zeit bleibt dabei auf der Strecke, und das ist nicht das, was ich mir unter Familienleben vorstelle.

Irritiert bin ich bis heute davon, dass das alles eine Folge äußerst effizienter Familienorganisation ist: Während die Mutter ihren Hobbys nachgeht, kümmert sich der Vater ums Kind – und umgekehrt. Wirklich gemeinsame Familienzeit bleibt dabei auf der Strecke, und das ist nicht das, was ich mir unter Familienleben vorstelle.

Was gibt es an deinem Wohnort, das du in Deutschland vermissen würdest?

K.F.: Wald, Wasser, Stille, wenig Hektik, Kinderfreundlichkeit, Schnee im Winter und helle Nächte im Sommer… vermutlich würde ich alles vermissen, außer den Mücken.

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Vor Karen haben schon fünf Mamas bei meiner Interviewreihe mitgemacht: Nancy von Fuzzy Facts aus South Carolina (USA), Hamburg-Zürich-Mami aus der Schweiz, Andalusienmutti aus Südspanien, Mäusemamma aus Italien und Tina Busch aus Tennessee (USA). Meldet euch gern bei mir, wenn ihr selbst im Ausland wohnt und Lust habt, meine Fragen zu beantworten – ein eigener Blog ist kein Muss!

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