26.
May.
2016
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Mit der Familie in die Ferne

Expat Mamas around the Globe: Zum Auftakt meiner Serie ein Interview mit Tina Busch über den entspannten Lifestyle in Tennessee, USA

Ich streife in Gedanken immer gern um die Welt und bin neugierig auf das Leben in anderen Ländern. Daher möchte ich euch in den kommenden Wochen deutsche Mütter vorstellen, die mit ihrer Familie im Ausland leben und arbeiten.

Was mich besonders interessiert: Wie organisieren Mütter in anderen Ländern ihren Berufsalltag? Wie steht's um die Vereinbarkeit von Familie und Job? Zum Auftakt habe ich Tina Busch über ihr Leben in den Südstaaten befragt.

Die 2-fache Mama und promovierte Linguistin teilt auf ihrem Blog tinabusch.com regelmäßig Gedanken und Anekdoten aus ihrem Expat-Alltag. Zur Zeit beschäftigt sie am meisten das Thema Rückkehr: denn nach knapp fünf Jahren in den USA steht nun bald der Umzug der Familie ins bayerische Burghausen an.

Saint Iva: Du lebst in Chattanooga, Tennessee. Kannst du uns die Stadt ein bisschen beschreiben?

Tina Busch: Chattanooga hat ca. 170 000 Einwohner und für Familien und Outdoor-Begeisterte viel zu bieten. Die Walnut Street Bridge führt über den Tennessee River und verbindet Downtown mit dem hippen North Shore-Viertel. So kann die ganze Familie zu Fuß oder mit dem Fahrrad das Art District erkunden, dem Aquarium oder Discovery Museum einen Besuch abstatten und im Anschluss Hunger und Durst in einem der vielen Cafés oder Eisdielen stillen.

Die Chattanoogans sind sehr freundlich, vor allem Kindern gegenüber. Und sollte man Probleme haben, den Southern Drawl, den sehr ausgeprägten Südstaaten-Dialekt, zu verstehen, kann man auch mehr als einmal um eine Wiederholung bitten. An Deutsche ist man in Chattanooga mittlerweile gewöhnt. Die deutsche-Expat-Community ist groß, da sich in den letzten Jahren mehrere deutsche Firmen hier angesiedelt haben. Das bedeutet aber auch: den Deutschen kann man hier kaum entkommen; sie lauern hinter jeder Ecke...

Du bezeichnest dich als „German by nature and American by heart‟ – was meinst du damit?

T.B.: Deutschland ist meine Heimat. In Deutschland bin ich geboren und aufgewachsen und habe dort den größten Teil meines Lebens verbracht. An die USA habe ich aber mein Herz verloren, zumindest teilweise. Seit fast fünf Jahren lebe ich mit meiner Familie in Chattanooga.

Wir lieben den American Way of Life, der hier im Süden nochmal anders ist: Die Uhren drehen sich ein bisschen langsamer, es ist immer und überall Zeit für Small Talk, und weil es von April bis Oktober so richtig warm ist, findet ein großer Teil des Lebens draußen statt – im Pool, am See oder auf der Back Porch, die zum zweiten Wohn- und Esszimmer wird.

Wie ist der Alltag als Working Mom in Chattanooga?

T.B.: Den „typischen“ Alltag mit Kids in Chattanooga gibt es nicht. Alle denkbaren Beutreuungssituationen sind möglich und jede Familie schafft sich ihren eigenen Alltag. So werden sechs Wochen alte Babys in die Day Care gegeben, weil die Mutter (oder der Vater) sonst ihren Job verliert. Staatlich geregelter Mutterschutz oder Elternzeit bzw. -geld gibt es in den USA nämlich nicht.

Genauso trifft man aber auch auf Stay-At-Home-Moms und -Dads, die ihre Kinder zum Beispiel nur stundenweise von einem Babysitter betreuen lassen oder 2-3 Tage in der Woche das Mother’s Day Out-Programm ihrer Kirche in Anspruch nehmen.

Jede Familie sucht für sich den für sie richtigen Weg und muss sich dafür nicht vor anderen Leuten rechtfertigen.

Dazu kommen noch Familien, in denen beide Elternteile berufstätig sind. Persönlich kenne ich viele Mütter, die in Vollzeit von ihrem Home Office aus arbeiten und so in Bezug auf Kinderbetreuung bei Krankheit oder Schulausfall flexibel reagieren können. Insgesamt ist das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht so präsent wie in Deutschland. Jede Familie sucht für sich den für sie richtigen Weg und muss sich dafür nicht vor anderen Leuten rechtfertigen.

Wenn die Kinder das Schulalter erreicht haben, wird es mit der Betreuung zwar etwas einfacher (und kostengünstiger), da alle Schulen ein Ganztageskonzept verfolgen und auch oft Aktivitäten wie Sport oder Musik anbieten. Allerdings müssen berufstätige Eltern ihre Kinder während der langen Sommerferien von Ende Mai bis Mitte August unterbringen. Wer die Großeltern dafür nicht einspannen kann, greift auf eine große Auswahl von Summer Camps zurück, kostenpflichtig natürlich.

Erwähnenswert finde ich noch eine Besonderheit hier im Süden: es gibt viele Familien, die sich für Home Schooling, Hausunterricht, entscheiden, weil die öffentlichen Schulen nicht gut (oder religiös) genug sind und die Privatschulen in der Regel viel zu teuer.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht oder irritiert?

T.B.: Überrascht war ich, wie einfach es tatsächlich ist, mit den Amerikanern ins Gespräch zu kommen. Egal ob es die Nachbarn sind, der Mann an der Supermarktkasse oder die Mutter auf dem Spielplatz – alle sind freundlich und interessiert. Erst Recht, wenn sie meinen deutschen Akzent hören! Dann erzählt jeder von seinen deutschen Vorfahren und von dem Neffen / Onkel / Cousin, der in Deutschland stationiert war. Überraschend ist aber auch, dass es lange dauern kann, bis sich echte Freundschaften mit Amerikanern, so wie wir sie aus Deutschland kennen, entwickeln. Das kann mitunter Jahre dauern.

Bald steht eure Rückkehr nach Deutschland an – was geht dir dabei alles durch den Kopf?

T.B.: Mir geht so viel durch den Kopf! Da ich aber gerade ein paar Tage in Deutschland war, um mich um Haus, Schule und Kindergarten zu kümmern, bin ich etwas beruhigter und kann den turbulenten Monaten, die auf uns zukommen, etwas gelassener entgegen sehen.

Wie wird meine 6-jährige Tochter den Abschied von ihrer besten Freundin verkraften?

Für die Rückkehr ist für mich am Wichtigsten, dass unsere Kinder den Umzug gut verkraften und sie sich so problemlos wie möglich an das Leben in Deutschland gewöhnen. Wenn ich meine 6-jährige Tochter und ihre beste Freundin dabei beobachte, wie sie jeden Nachmittag in ihre Prinzessinnen-Welt abtauchen und dann nur äußerst widerwillig am Abendbrottisch erscheinen, frage ich mich natürlich schon: Wie wird sie den Abschied von ihrer Freundin verkraften? Und wie lange wird es dauern, bis sie in Deutschland wieder jemanden gefunden hat, mit dem so viel Spaß hat?

Und auch über meinen 3-jährigen Sohn mache ich mir Gedanken. Zur Zeit steckt er gerade mal wieder in einer – nennen wir es mal – herausfordernden Phase. Aber ob seine emotionalen Eskapaden rein entwicklungsbedingt zu erklären sind oder vielleicht doch schon Teil des Umzugsprozesses sind, weiß ich natürlich nicht.

Beruflich wird es für mich einen Neustart geben, da ich in meinen alten Job nicht zurückkehren kann. Während meiner Zeit im Ausland habe ich nicht nur meinen Blog ins Leben gerufen, sondern auch als Übersetzerin gearbeitet. Das selbstständige und flexible Arbeiten von Zuhause liegt mir sehr und ich kann mir gut vorstellen, das auch zukünftig so zu machen.

Was gibt es in Chattanooga, das du in Deutschland vermissen wirst?

T.B.: Die Erinnerungen an die Kleinkinderjahre meiner Kids. Die vielen Sonnenstunden und das warme Wetter. Die Weite, sobald man aus der Stadt rausfährt. Unser Südstaaten-Haus. Guten Kaffee. Und Target – ein großes Kaufhaus, in dem es von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Elektronik und Spielzeug alles zu kaufen gibt.


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