19.
Aug.
2016
#

Ein Monatslohn an Kitakosten

Fortschrittlich, aber furchtbar teuer: „Hamburg-Zürich-Mami“ Vivien Wassermann über Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz

Heute geht's in den Alpen! Für meine Reihe „Mamas around the Globe“ hat mir Hamburg-Zürich-Mami Vivien Wassermann spannende Antworten und Einsichten in ihr Alltagsleben als Working Mom in der gegeben. Da gibt es gravierende Nachteile im Vergleich zum deutschen Kinderbetreuungsmodell, die das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ eigentlich zum Dauerbrenner in der Schweiz machen müssten. Gleichzeitig ist die Schweiz in anderen Job-Bereichen sehr viel fortschrittlicher als andere Länder.

Vivien Wassermann ist vor anderthalb Jahren mit ihrer Famillie von Hamburg in den Kanton Zürich gezogen und arbeitet dort als Chefredakteurin eines Gesundheitsmagazins. In ihrem Blog beschreibt sie die Unterschiede im Alltag mit zwei Kindern in Deutschland und in der Schweiz. Außerdem gibt es Anekdoten aus dem Leben mit einem 2- und einer 6-Jährigen sowie Kindermedizin-News.

Saint Iva: Wo genau wohnt ihr denn?

V.W.: Wir wohnen in einem kleinen Ort, fünf Gehminuten vom Zürisee entfernt. Klar war es für uns eine Umstellung, aus der Hamburger Innenstadt in ein „Dorf“ zu ziehen. Aber da man sich die besten Lagen in Zürich leider nicht leisten kann, leben wir lieber im Vorort – dafür aber fast direkt am See. Drei Supermärkte, der Kindergarten, die Kita, der Bahnhof, die „Badi“ am See und Spielplätze sind nur Minuten entfernt.

Wie ist der Alltag mit Kids in deinem Viertel?

V.W.: Super. Im Gegensatz zu Hamburg kann meine Tochter hier ganz allein den Weg zum Kindergarten gehen. Und das tut sie schon, seit sie vier Jahre alt ist. Deshalb finde ich, dass die Kinder etwas freier aufwachsen, als in Deutschland, weil sie nicht ständig unter elterlicher Beobachtung stehen.

Ab wann gehen die Mütter in deinem Umfeld üblicherweise wieder arbeiten?

V.W.: In unserer Kita ist das soziale Umfeld extrem gemischt. Bei vielen Akademiker-Paaren arbeiten beide Partner 80%, und das häufig gleich wieder nach dem 16-wöchigen Mutterschutz, da es keine Elternzeit gibt. Beim normalen Mittelstand sind die Mütter jedoch häufig mindestens so lange zu Hause, bis die Kinder in die Schule kommen und arbeiten danach Teilzeit. Denn die Betreuungskosten sind so hoch und auch die steuerliche Progression trägt dazu bei, dass sich eine Arbeit für die Mütter aus finanzieller Sicht nicht lohnt.

Ein einziger Kitatag kostet bei uns 120 Franken, das sind ca. 110 Euro. Im ganzen Monat zahlen wir entsprechend für zwei halbe Tage pro Woche und zwei ganze Tage 1.680 Franken, also ca. 1.540 Euro.

Wie ist die Betreuungssituation der Kids organisiert?

V.W.: Kinder ab drei Monaten können bei der Tagesmutter oder in der Kita betreut werden. Ein einziger Kitatag kostet bei uns 120 Franken, das sind ca. 110 Euro, ein halber Tag 90 Franken. Im ganzen Monat zahlen wir entsprechend für zwei halbe Tage pro Woche und zwei ganze Tage 1.680 Franken, also ca. 1.540 Euro. Meine Tochter besucht zum Glück schon das zweite Kindergartenjahr, eine Art staatliche Vorschule. Entsprechend müssen wir für sie nur den günstigeren Mittags- und Nachmittagshort bezahlen. Sozial schwächere Familien erhalten allerdings eine Bezuschussung zu den Betreuungskosten. In sehr vielen Schweizer Familien, in denen die Mutter nur wenige Tage im Monat arbeitet, übernehmen die Großmütter die Betreuung der Kinder.

Da müsste das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf‟ doch ein Dauerbrenner sein, oder?

V.W.: Ja, es ist relativ präsent. Immer wieder gibt es Forderungen nach günstigeren Betreuungsmöglichkeiten. Ein wenig neidisch schaue ich auf die Betreuungsmodelle in unserer Heimatstadt Hamburg, wo flächendeckend Ganztagsschulen eingerichtet worden sind. Nun, da meine Tochter in die Schule kommt, muss ich die Betreuung ab 12 Uhr wieder ganz neu organisieren: Zwischen dem Hort und der Betreuung durch den Vater ihrer besten Freundin, die leider in die Parallelklasse kommt und einen völlig anderen (Nachmittags-)Stundenplan hat als sie.

Hier sind sogar Top-Stellen im Führungsbereich häufig mit 80 – 100% ausgeschrieben. Auch mir wurde es hier ermöglicht, in leitender Position mit „nur“ 70% zu arbeiten.

Positiv empfinde ich jedoch, dass hier erheblich mehr Stellen als in Deutschland in Teilzeit ausgeschrieben sind. So habe ich in Deutschland beispielsweise so gut wie alle ausgeschriebenen Jobs im Kommunikationsbereich nur in Vollzeit gefunden. Hier sind sogar Top-Stellen im Führungsbereich häufig mit 80 – 100% ausgeschrieben, querbeet durch alle Branchen. Auch mir wurde es hier ermöglicht, in leitender Position mit „nur“ 70% zu arbeiten, also drei Tage in der Redaktion und ein halber Tag im Home Office.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht oder irritiert?

V.W.: Die Eintrittsdaten in die Schule bzw. in den Kindergarten. Hier war im Falle des Jahrgangs meiner Tochter der Stichtag der 15. Mai. Sie hat am 14. Mai Geburtstag und ist somit plötzlich das allerjüngste Kind in der Klasse, wohingegen sie in Deutschland im Mittelfeld lag. Zudem war es ungewohnt für mich, dass sie mittags immer um 12 Uhr zu Hause war. In Hamburg war für 4-jährige Kinder ein Kitatag bis mindestens 14 Uhr die Regel. Und dass die meisten Schweizer Kinder, obwohl sie den Deutschen in kultureller Hinsicht ja recht ähnlich sind, keine Schultüte zur Einschulung bekommen!

Was gibt es an deinem Wohnort, das du in Deutschland vermissen würdest?

V.W.: Die Natur! Skifahren im Winter, Wandern und tägliches Baden im Sommer (wenn er mal nicht so verregnet ist wie dieses Jahr). Und trotzdem ist die Stadt nur 25 Minuten mit dem Auto bzw. der Bahn entfernt. Im Hamburger Sommer stand ich mit meiner Kleinen stundenlang an der Freibad-Kasse an, stand auf dem Weg an die Nord- und Ostsee im Stau oder drängte mich mit ihr im überfüllten Planschi im Park.


Vor Hamburg-Zürich-Mami haben schon drei Mamas bei meiner Interviewreihe „(Expat) Mamas around the globe" mitgemacht: Andalusienmutti aus Südspanien, Mäusemamma aus Italien und Tina Busch aus Tennessee, USA. Meldet euch gern bei mir, wenn ihr selbst im Ausland wohnt und Lust habt, meine Fragen zu beantworten!

Konversation wird geladen