14.
Sep.
2016
#

Bis zu den Wehen im Job

Vereinbarkeit von Job und Familie als reine Privatsache: Über den Alltag von Working Moms in South Carolina, USA, berichtet Expat-Mama Nancy

Skurrile und harte Fakten über den Alltag von Working Moms in South Carolina, USA, hat mir Nancy vom Blog Fuzzy Facts verraten. Über vieles kann man aus deutscher Sicht nur mit dem Kopf schütteln: kein Mutterschutz, kein Elterngeld, dafür gepfefferte Preise für Tagesstätten... Da ist die Vereinbarkeit von Familie und Job für viele Frauen keine Frage der beruflichen Selbstverwirklichung, sondern schlicht der Existenzsicherung.

Nancy stammt aus dem Ruhrgebiet und zog mit ihrem Mann Anfang 2015 nach Charleston, South Carolina. Ihr Sohn Benjamin wurde im Juni 2015 geboren. In ihrem Blog gibt sie Einblicke in ihren Familienalltag, berichtet über lokale Phänomene und kulinarische Specials. Heute trägt sie zum 5. Teil meiner Reihe „Mama around the globes“ bei!

Saint Iva: Bitte stell' uns Charleston kurz vor!

Nancy: Wer durch Downtown Charleston schlendert, fühlt sich wie in einem Film: Rund 2.000 historische Häuser im Kolonialstil sind erhalten und ziehen mit ihren breiten Verandas und gepflegten Gärten die Blicke auf sich. Die Straßen sind gesäumt von Palmen, und alle paar Minuten klackern Pferdehufe über das Kopfsteinpflaster. Die Kutschen ziehen haufenweise Touristen durch die charmante Südstaaten-Stadt, die auch als „most European city in the U.S.“ bezeichnet wird.

Neben dem Historic Downtown gehören im Umland weitere Stadtteile zu Charleston. Dort lebt auch der Großteil der über 120.000 Einwohner. Mit mehrspurigen Straßen, separierten Wohngebieten und Shoppingzentren sieht es außerhalb des Stadtzentrums dann auch typisch amerikanisch aus. Die Menschen in Charleston sind unglaublich herzlich, tendenziell aber eher konservativ.

Wie ist der Alltag mit Kids in deinem Viertel?

N.: An tollen Angeboten für Babys und Kinder mangelt es nicht: Die Bibliothek bietet nahezu täglich kostenlose Kurse zum Singen, Basteln und Lesen an. Außerdem gibt es mehrere Parks und Spielplätze, mal ganz abgesehen vom Atlantikstrand! Mich nervt allerdings, dass man für wirklich jede Aktivität ins Auto steigen muss. Wohnviertel wie in Deutschland, in denen man zu Fuß zu Spielplätzen, zum Bäcker oder ins Café läuft, gibt es hier in der Regel leider nicht. Die einzelnen Neighborhoods bestehen meistens aus einer reinen Wohnbebauung und sind mangels Fuß- und Radwegen nur mit dem Auto zu erreichen.

Ab wann gehen die Moms in deinem Umfeld üblicherweise wieder arbeiten?

N.: Die Kitas nehmen Kinder ab sechs Wochen, und das ist keine Ausnahme. In einem Land ohne bezahlten Mutterschutz und ohne Elterngeld liegt es an der Tagesordnung, dass viele frisch gebackene Mamas ziemlich schnell wieder arbeiten gehen müssen. Natürlich heißt das im Umkehrschluss auch, dass sie quasi bis zu den Wehen ihrem Job nachgehen: „Save as much money as possible" lautete die Devise einer Teilnehmerin meines damaligen Prenatal-Yogakurses, die als Kellnerin in einem Steakhouse beschäftigt war. Sie wollte so lange wie möglich arbeiten, um durch den Finanz-Puffer zumindest nach der Geburt mehr Zeit mit dem Baby verbringen zu können.

Kids sind in den USA absolute Privatsache und die Eltern müssen sich fernab von jeder staatlichen Unterstützung selbst um ihre Finanzierung kümmern.

Eine unbezahlte (!) Freistellung oder Arbeitszeitreduzierung vor und nach der Geburt ist oft reine Verhandlungssache mit dem jeweiligen Arbeitgeber. Der „Family and Medical Leave Act" sichert zwar theoretisch den Arbeitsplatz der Mütter für bis zu 12 Wochen nach der Geburt, allerdings nur bei Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten und erst ab einer bestimmten vorab geleisteten Arbeitsstundenzahl. Auch wenn Kalifornien, Rhode Island und New Jersey mittlerweile Gesetze für eine bezahlten Mutterschutz erlassen haben, Kids sind in den USA absolute Privatsache und die Eltern müssen sich fernab von jeder staatlichen Unterstützung (auch kein Kindergeld) selbst um ihre Finanzierung kümmern.

Wie ist die Betreuungssituation der Kids organisiert?

N.: Besonders verbreitet sind sogenannte Daycares (Kitas), die eine Vollzeit-Betreuung für Babys ab sechs Wochen anbieten. In unserer Region legt man dafür allerdings durchschnittlich rund 1.000 US-Dollar (knapp 900 Euro) monatlich auf den Tisch. Ich habe schon von einigen Müttern gehört, dass diese Kosten einen Großteil ihres Verdienstes wieder aufsaugen. Wem die Betreuung in einer Daycare zu teuer ist, teilt sich alternativ mit anderen Familien eine Tagesmutter oder greift auf die Hilfe von Familienangehörigen zurück.

Wie präsent ist das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“?

N.: Da viele Mütter ziemlich schnell nach der Geburt wieder in ihren Job zurückkehren, gehören arbeitende Mamas und fremdbetreute Kids hier zum Alltag. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten sind also nicht das Problem, und auch die gesellschaftliche Akzeptanz ist vorhanden: Der Begriff „Rabenmutter“ ist mir in den USA nicht bekannt. In vielen Fällen hat der zügige Wiedereinstieg in die Vollzeit-Berufstätigkeit amerikanischer Mütter aber womöglich wenig mit dem innigen Wunsch zu tun, sich gleichzeitig Karriere und Familie zu widmen. Ohne staatliche Unterstützung steckt dahinter oft eine rein finanzielle Notwendigkeit.

Worum geht es bei einer typischen Spielplatzunterhaltung?

N.: Zunächst in erster Linie darum, sich gegenseitig Komplimente zu machen. „Nice shoes!“, „He’s adorable!“, „What a cutie!“ – die Amerikaner werfen nur so um sich mit Höflichkeiten dieser Art. Insgesamt ist eine richtige Unterhaltung eher schwierig, weil viele Moms direkt hinterherrennen, sobald sich der Nachwuchs einem anderen Kind genähert hat. Sofort ertönt der ermahnende Dreiklang „Be gentle! Share! Be careful!“ Dabei ist in der Regel gar keine Gefahr ersichtlich und das Kind hat auch nix angestellt.

So sehr ich die Offenheit amerikanischer Eltern immer wieder schätze, die tendenzielle Überbehütung der Kids ist schon sehr auffällig.

Ich stehe dann plötzlich ohne Gesprächspartner da. Oder ich stecke in der Rolle der Mutter „des anderen Kindes" und flöte immer wieder höflich lächelnd: „We're fine. Thanks", was übersetzt so viel heißt wie: „Jetzt entspann' dich doch mal. Dein Kind guckt doch nur." So sehr ich die Offenheit und Freundlichkeit amerikanischer Eltern immer wieder schätze (und auch mich selbst nicht komplett vom Helikopter-Mutter-Dasein freisprechen kann), die tendenzielle Überbehütung der Kids ist schon sehr auffällig.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht/irritiert?

N.: Dass die Amerikaner hier im Süden so gut wie jeden Weg mit dem Auto zurücklegen und es die kuriosesten „Drive-In"-Möglichkeiten gibt. Bei Starbucks zieht sich die Warteschlange der Autos am „Drive-Thru“-Schalter jeden Morgen in die Länge, während drinnen niemand an den Kassen steht. Es steigt natürlich trotzdem keiner aus. Auch Bank- und Postgeschäfte lassen sich an speziellen Schaltern bequem aus dem Autosessel heraus erledigen, gefolgt vom Apotheken-Einkauf (wobei das Sitzenbleiben im Wagen schon Sinn macht, wenn man krank ist). Selbst an der Bibliothek gibt es Einwurf-Boxen, um seine Bücher im Vorbeifahren abgeben zu können.

Lange habe ich mich über die Bewegungsmuffel lustig gemacht. Nach anderthalb Jahren in den USA kann ich diesem System aber durchaus auch praktischen Nutzen zusprechen: Unterwegs mit dem Baby und/oder während der schwülen Sommerhitze gab es schon viele Situationen, in denen ich sehr froh war, nicht noch einmal aus dem Wagen steigen zu müssen.

Was gibt es in Charleston, das du in Deutschland vermissen wirst?

N.: Zu den Punkten, warum wir uns hier so wohlfühlen, zählen auf die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen, vor allem Kindern gegenüber. Es vergeht kein Tag, an dem uns beim Einkaufen oder Spazierengehen nicht fremde Menschen auf Benjamin ansprechen, sein Alter wissen wollen, ihm freundlich winken oder zu seiner großen Belustigung Grimassen schneiden. Einfach toll, diese Kinderfreundlichkeit der Amerikaner!

Außerdem finde ich es klasse, dass wir fast ganzjährig Flip-Flops tragen können! Ich bewundere auch die typische Lässigkeit der Menschen in den Südstaaten: Hier ticken die Uhren etwas langsamer und alle sind wesentlich entspannter – liegt bestimmt an der Hitze. „No rush“ diktiert den Alltag und ich finde das sehr, sehr angenehm. Mittlerweile stresse ich mich auch nicht mehr, das gibt echt mehr Lebensqualität. Hoffentlich kann ich diese Einstellung später in Deutschland bewahren.


Vor Nancy von Fuzzy Facts haben schon vier Mamas bei meiner Interviewreihe „(Expat) Mamas around the globe" mitgemacht: Hamburg-Zürich-Mami aus der Schweiz, Andalusienmutti aus Südspanien, Mäusemamma aus Italien und Tina Busch aus Tennessee, USA. Meldet euch gern bei mir, wenn ihr selbst im Ausland wohnt und Lust habt, meine Fragen zu beantworten – ein eigener Blog ist kein Muss!

Konversation wird geladen