29.
Jul.
2016
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Bis Mitternacht auf dem Spielplatz

In Südspanien gibt's Vereinbarkeit von Familie und Beruf eher auf dem Papier: „Andalusienmutti" über alte Rollenbilder und junge Hausfrauen

40 Grad heiße Sommer und maurische Festungen, Flamenco und Costa del Sol – das fällt mir als erstes zu Andalusien ein. Doch wie ist es, als Working Mom in einer traditionellen spanischen Familie zu leben? Wie organisiert man sich in einem dörflichen Umfeld?

Susanne ist vor neun Jahren nach Andalusien gezogen, seit anderthalb Jahren gibt es ihren Blog Andalusienmutti. Sie hat mir interessante Einsichten und Antworten auf meine Fragen rings um Vereinbarkeit von Familie und Beruf gegeben.

Ursprünglich stammt Susanne aus Chemnitz und ist der Liebe wegen nach Andalusien gezogen. Mittlerweile arbeitet die Kulturwissenschaftlerin bei einer deutschen Wochenzeitung in Málaga – noch bis September, dann beginnt ihr Mutterschutz. Denn Susannes 3-jährige Tochter Elisa bekommt bald ein Geschwisterchen.

Saint Iva: Wo und wie lebt ihr?

Susanne: Wir leben in einem kleinen Dorf mit 2.000 Einwohnern in der Nähe von Marbella. Es ist eines der typischen weißen Dörfer im Hinterland der Provinz, enge Gassen, weißgekalkte Häuser. Für die Größe gibt es hier eigentlich recht viel, zwei Supermärkte, 14 Bars, zwei Spielplätze... soziales Leben herrscht hier rege. Manchmal vielleicht ein bisschen zuviel, der Dorftratsch funktioniert ausgezeichnet. Aber alles in allem ist es ein ruhiges, angenehmes Leben. Klar, die Uhren ticken anders, gerade jetzt im Sommer. Vor 20 Uhr geht keiner auf den Spielplatz (außer wir), bis weit nach Mitternacht sind die Leute auf der Straße. Manchmal stört das schon ein bisschen, denn arbeiten müssen wir doch alle trotzdem früh. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie das die Andalusier so ohne Schlaf machen...

Die Sommerferien in der Vorschule sind zweieinhalb Monate lang. Da müssen die Großeltern anpacken oder die Eltern buchen eine Art Ferienlager. Billig ist das aber nicht.

Wie ist der Alltag mit Kids in deinem Viertel?

S.: Viele Kinder bleiben hier bis zum Altern von drei Jahren zu Hause, einfach, weil wir im Dorf keinen Kindergarten haben. Der ist im Nachbardorf. Ich kenne viele Mütter, die keinen Führerschein haben und deswegen ihr Kind nicht in die Kita bringen können – oder wollen. Dieses Jahr soll jedoch noch eine Kita bei uns aufmachen. Mein Kind geht in den Kindergarten, weil ich ja auch arbeite, und ich bin sehr zufrieden. Meine Tochter fühlt sich dort pudelwohl. Die Erzieherinnen machen ganz tolle Sachen, es ist eine recht moderne Kita mit jungem Personal. Denn meist sieht hier die Kinderbetreuung so aus, dass die Kids bei den Großeltern untergebracht sind, ohne Oma und Opa läuft hier nichts.

Die Vorschule beginnt mit drei Jahren, da gehen dann alle Kinder hin. Doch da sind die Sommerferien 2,5 Monate lang. Da müssen also wieder die Großeltern anpacken und die Eltern buchen so eine Art Ferienlager, nur ohne Übernachtung. Alle möglichen Einrichtungen, Museen oder Freizeitsparks bieten da Workshops an, damit die Kinder den ganzen Tag betreut sind. Billig ist das aber nicht.

Ab wann gehen die Mütter in deinem Umfeld üblicherweise wieder arbeiten?

S.: Mutterschutz gibt es hier 16 Wochen, danach müssen die Mütter wieder arbeiten. Das ist nicht lange und ein vier Monate altes Baby in die Kita zu geben ist schon hart, finde ich. Das ist wohl auch der Grund, warum viele Mütter erst einmal nicht arbeiten und die Kinderbetreuung übernehmen. Oder dann eben wieder Oma und Opa.

Wie ist die Betreuungssituation der Kids organisiert?

S.: Die Arbeitszeiten hier machen die Sache nicht einfach, meistens wird bis spät abends gearbeitet, da es eine sehr lange, bis zu dreistündige Mittagspause gibt. Ich kenne also viele Familien, in denen die Großeltern die Kinder aus der Kita oder Schule abholen und den Nachmittag mit ihnen verbringen, bis die Eltern heimkommen. Die Kitas haben nämlich ‚nur‘ bis 17 Uhr geöffnet und die Schulkinder sind so gegen 15-16 Uhr fertig, während viele Eltern bis 20-21 Uhr arbeiten müssen.

Vormittagsbetreuung ist kein Problem, viele Kitas werden zudem von der andalusischen Landesregierung subventioniert. Wir zahlen zum Beispiel überhaupt nichts und unsere Tochter kann dort sogar kostenlos Mittag essen. Die Vor- und Grundschule wird meines Wissens nach auch nach dem Einkommen der Eltern berechnet, was Essen und Bücher angeht, die Betreuung an sich ist kostenlos. Nur wer bis nach 16 Uhr arbeitet und keine Großeltern hat, hat ein echtes Problem und muss eine Nanny einstellen.

Wie präsent ist das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf‟?

S.: Eigentlich nicht wirklich. Stück für Stück entdecke ich in den Medien Artikel darüber. Man ist sich bewusst, dass es auch hier ein Problem gibt, ist aber noch weit davon entfernt, etwas zu ändern. Mütter sind für die Erziehung der Kinder zuständig, Väter für das Geldverdienen. Viele wollen aber auch aus ihren Rollen gar nicht raus. Ich kenne viele Familien, die so leben, denen es gut so geht und die sich nicht beschweren. Andalusische Frauen sind recht willensstark und ich glaube, sie gefallen sich in der Rolle der Hausfrau, die über die Familie bestimmt. Viele lassen ihre Männer gar nicht im Haushalt mithelfen, nach dem Motto, ‚Können die ja eh nicht.‘ Das wird dann aber auch gerne als Ausrede genommen, dass man ja nicht außer Haus arbeiten gehen kann. Jedenfalls hier im Dorf.

Nach meinem Empfinden liegen die Spanier stets eine Generation hinter den anderen europäischen Ländern. Meine Schwiegereltern erinnern mich von ihrer Mentalität eher an meine Großeltern.

Natürlich gibt es auch viele Frauen, die arbeiten wollen und die sich stark dafür machen. Da liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor ihnen. Nach meinem Empfinden liegen die Spanier stets eine Generation hinter den anderen europäischen Ländern. Meine Schwiegereltern erinnern mich von ihrer Mentalität eher an meine Großeltern und meine Schwager erinnern mich von ihrer Denkweise eher an meine Eltern.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht bzw. irritiert?

S.: Wie unorganisiert es hier manchmal ist und alles am Ende doch noch klappt. Ich arbeite ja glücklicherweise in einem deutschen Team, das jedoch zu einem spanischen Unternehmen gehört. Gerade die Andalusier sind die Weltmeister im Lastminute, wenn es um das Erledigen von Aufträgen geht, und trotzdem schaffen sie es immer noch, die Frist einzuhalten. Wird dann halt Panik und Druck verbreitet. Für mich ist das nichts, da bin ich zu deutsch. Ich plane gerne vor, besonders wenn es um die Arbeit geht.

Was gibt es an deinem Wohnort, das du in Deutschland vermissen würdest?

S.: Das Leben auf der Straße. Hier ist immer was los. Die kleinen Bars laden zu Tapas ein, es gibt Dorffeste, im Sommer viele Aktivitäten für Kinder und irgendwie ist immer was los. Das würde mir fehlen. Beim Spaziergang stehenzubleiben, um mit den anderen zu plauschen, das freundliche Grüßen und das Miteinander überhaupt. Hier hilft jeder jedem, auch wenn man nicht verwandt ist, das ist ein schönes Gefühl.


Vor Andalusienmutti haben schon zwei Mamas bei meiner Interviewreihe „(Expat) Mamas around the globe" mitgemacht: „Mäusemamma" Claudia Schubert aus Italien und Tina Busch aus Tennessee, USA. Bald geht die Reise weiter nach Finnland, South Carolina, in die Schweiz...



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