17.
Jun.
2016
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„Bei Oma und Opa“ heißt die bevorzugte Krippe

„Mäusemamma“ Claudia Schubert über den Alltag von Working Moms in Nord-Italien – Teil 2 der Serie „Mamas around the globe“

Durch Zufall hat es Claudia Schubert vor 15 Jahren nach Italien verschlagen, heute ist sie mit einem Italiener verheiratet und in der kleinen Stadt Saluzzo im Piemont Zuhause. In ihrem Blog Mammamia mit zwei Mäusen schreibt sie über La Dolce Vita, ihren Alltag als Fremdenführerin und Mama von zwei Bambini (4 und 1).

Mich interessierte besonders: Wie organisieren Mütter in ihrer Region ihr Berufsleben? Wie steht's um die Vereinbarkeit von Familie und Job? Teil 2 meiner Serie über „Mamas around the globe“!

Saint Iva: Es muss toll sein, in einer Region zu wohnen, in der andere Urlaub machen...

Claudia Schubert: Die Lage ist herrlich – am Fuße der Alpen, nahe der berühmten Weinregion der Langhe sowie nicht unweit vom Mittelmeer und Frankreich. Wenn Ihr ein paar Eindrücke und Infos über unser „Siena des Piemont“ bekommen möchtet, dann stöbert doch einfach auf meinem Blog – denn da habe ich vor einiger Zeit schon mal zu einem Streifzug eingeladen. Mit ca. 17.000 Einwohnern ist Saluzzo eine perfekte Stadt, um mit der Familie hier zu leben. Wir haben hier alles, was wir für unseren Alltag benötigen: Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Parks etc. Auch ohne fahrbaren Untersatz kann man hier bequem alles erledigen.

Wie ist der Alltag mit Kids in deinem Viertel?
C.S.: Wir wohnen relativ zentral und können somit die Krippe unserer Kleinsten, die sie vormittags besucht, sowie den Kindergarten unseres Großen bequem zu Fuß erreichen. Mein Mann ist selbstständig und ich jobbe freiberuflich, deshalb haben wir keine täglich wiederkehrenden Arbeitszeiten. Dennoch pflegen wir mit unseren Kindern eine recht gut funktionierende Routine. Morgens Kita, nachmittags Zeit mit uns bzw. hauptsächlich mir. In unserer Wohngegend gibt es schöne Spielplätze und kleinere Parks, die Stadtbibliothek ist gleich um die Ecke und die Fußgängerzone in der Innenstadt lädt zum Eis essen ein.

Ab wann gehen die Moms in deinem Umfeld üblicherweise wieder arbeiten? Wie ist die Betreuungssituation der Kids organisiert?

C.S.: Das Eine hängt natürlich sehr vom Anderen ab. Grundsätzlich kann man nichts verallgemeinern, denn auch hier in Italien gibt es unterschiedliche Familienmodelle. Für Mütter, die vor der Geburt ihrer Kinder im Berufsleben standen, hängt der Zeitpunkt des Wiedereinstiegs von verschiedenen Aspekten ab – wie wohl überall: In erster Linie von den Finanzen und der Kinderbetreuung.

Kinderkrippen sind relativ kostspielig und werden leider oft nur als zweite Wahl angesehen. Wir haben uns bewusst für die Krippe entschieden.

Was die Betreuung anbelangt, so spielen hier die Großeltern oft noch eine bedeutende Rolle, solange sie rüstig sind und sich die Betreuung ihrer Enkel zutrauen. Krippen für die Kleinsten unter 3 gibt es, jedoch sind sie relativ kostspielig und werden oft nur als zweite Wahl angesehen. Leider. Wir haben uns bewusst für die Kinderkrippe entschieden, und die Gründe dafür könnt ihr gerne auf meinem Blog nachlesen.

Es gibt Kinder, die schon im zarten Alter von 3 Monaten in die Krippe eingewöhnt werden, andere mit 6, und wieder andere bleiben die ersten 3 Jahre daheim bei der nicht berufstätigen Mama oder bei Oma und Opa. Generell würde ich sagen, dass es relativ ungewöhnlich ist, dass berufstätige Mütter länger als ein Jahr zu Hause bleiben; dies ist auch vom Gesetzgeber nicht vorgesehen: Der Pflichtmutterschutz dauert 5 Monate (obligatorisch davon ist mindestens 1, maximal 2 Monate vor der Geburt), zusätzlich dazu kann man maximal noch 6 Monate Elternzeit zu reduziertem Lohn beantragen. Ist also alles eine Frage des Geldes und den Möglichkeiten, die man hat, sein Kind betreuen zu lassen...

Wie präsent ist das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“?

C.S.: Das Thema ist sehr wohl präsent, denn Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen ist nicht immer leicht. Vor allem auch, weil hier familienfreundliche Teilzeitmodelle meiner Erfahrung nach noch relativ selten angeboten werden. Eine Mama, die zum Beispiel Vollzeit im Büro arbeitet, ist von 8 bis 18 Uhr außer Haus – oder noch länger. Nicht gerade ideal, wenn man kleine oder schulpflichtige Kinder hat. Denn Ganztagsschulen gibt es hier kaum, so dass die Kinder schon mittags oder gelegentlich ab 16 Uhr auf sich gestellt sind. Und die dreimonatigen Sommerferien hier in Italien sind berufstätigen Eltern auch keine Hilfe...

Da wir nicht auf das Großeltern-Betreuungsmodell setzen können, habe ich meinen beruflichen Werdegang zurückgesteckt – und es trotz finanzieller Einbußen nicht bereut.

Für uns persönlich stellte sich die Frage, wie es bei mir beruflich weitergehen soll, in dem Moment, als bei unserem Sohn gesundheitliche Beeinträchtigungen festgestellt wurden, die vor allem seine ersten Lebensjahre beeinflussen sollten. Es wäre zum Zeitpunkt meiner geplanten Rückkehr in meinen damaligen Full-Time-Bürojob unmöglich gewesen, ihn in fremde Hände zu geben. Und da wir auch nicht auf das Großeltern-Betreuungsmodell setzen können, habe ich meinen beruflichen Werdegang zurückgesteckt – und es trotz finanzieller Einbußen nicht bereut.

Was hat dich nach deiner Ankunft am meisten überrascht/irritiert?

C.S.: Schwierige Frage! Meine ersten Jahre in Italien, als ich noch nicht liiert war, verbrachte ich ja etwas weltfern in einer Art Klostergemeinschaft; über diese Erfahrung habe ich auch auf meinem Blog berichtet. Von daher gab es in der Hinsicht etliche Dinge, die so extrem neu für mich waren...

Was Italien selbst angeht, so hat mich anfangs die Offenheit und damit verbunden auch die Neugier der Leute etwas irritiert. Ich war es nicht gewöhnt, dass jeder alles über jeden wissen musste. Ich war da eher zurückhaltend und mochte es nicht, soviel von mit preiszugeben, besonders, wenn es sich um Unbekannte handelte. Positiv beeindruckt war und bin ich natürlich von der italienischen Küche!

Was gibt es an deinem Wohnort, das du in Deutschland vermissen würdest?

C.S.: Wir haben hier in Saluzzo eine wunderschöne Altstadt aus dem 15. Jahrhundert, von der die vielen Touristen stets beeindruckt sind. Ich liebe unsere vielen Cafés, auch wenn ich sie selbst kaum nutze. Doch allein das Flair in der Innenstadt ist super. Ein leckeres Croissant mit Cappuccino zum Frühstück, ein erfrischendes Eis und natürlich unsere Pizzen – ich glaube, all das würde man in Deutschland nicht so ohne Weiteres finden. Und natürlich würde mir schlicht unser Umfeld fehlen: unsere Freunde und Bekannten, die Freunde unserer Kids, das Lebensgefühl schlechthin.



Der erste Teil der Serie hat uns zu Tina Busch nach Tennessee, USA, geführt. Lest hier, wie es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im beschaulichen Chattanooga bestellt ist.

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