08.
Mar.
2016
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„Mütter wurden als Potential erkannt“

Aus Anlass des Weltfrauentags: Ein Gespräch mit Cornelia Spachtholz, Vorsitzende des Verbands berufstätiger Mütter

Der Verband berufstätiger Mütter (VBM) setzt sich seit 26 Jahren für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein – und zwar mit einem ganzheitlichen Blickwinkel. Denn Vereinbarkeit bezieht sich nicht nur auf Arbeit und Karriere, Familie und Rollenbilder. Auch Rechtssprechung und Steuerfragen gehören zur Thematik, ebenso wie Kinderbetreuung und Bildungsansprüche.

Aus Anlass des heutigen Weltfrauentags habe ich die Verbandsvorsitzende Cornelia Spachtholz um eine Zwischenbilanz gebeten: Wo stehen wir heute? Was sind die größten Baustellen der Zukunft? Dabei ging es um Fragen der Vereinbarkeit vom ersten Moment der Elternschaft an bis hin zur Altersvorsorge.

Saint Iva: Was waren die Meilensteine, die seit Gründung des VBM erzielt wurden?

Cornelia Spachtholz: Es ist auf jeden Fall ein Meilenstein, dass das Thema Vereinbarkeit mittlerweile keine reine Privatangelegenheit mehr ist, sondern in den medialen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Fokus gerückt ist.

Auch der Ausbau von Krippen, Kita und Co. bis hin zu Ganztagsschulen ist eine Errungenschaft. Die Ansprüche an Qualität, Bildung und Erziehung von Kleinkindern sind in den letzten 15 Jahren gestiegen, bei der bundesweiten Umsetzung sehen wir aber noch Optimierungsbedarf. Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für 1-Jährige ist ein Meilenstein, wir fordern allerdings noch mehr: einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von 0 bis mindestens 14 Jahren.

Das ElterngeldPlus weist den richtigen Weg: Es macht eine Teilzeittätigkeit für beide Elternteile während der Elternzeit attraktiv und fördert so eine partnerschaftliche Aufgabenteilung. Beide Elternteile können beruflich am Ball bleiben. Dieser Weg sollte weiter ausgebaut werden hin zu egalitärer Verteilung der Elternzeit, um die volle finanzielle Unterstützung ausschöpfen zu können.

Was macht Vereinbarkeit für Sie aus?

C.S.: Vereinbarkeit ist der Schlüssel für alles. Im Blickpunkt liegt dabei für uns die Vereinbarkeit im gesamten Lebensverlauf einer Familie. Das heißt, wir sehen nicht nur den glücklichen Anfang als Paar mit Mutterschutz und ElterngeldPlus, sondern beschäftigen uns auch mit den Phasen, die danach kommen können, z.B. eine Trennung der Eltern.

Welche Rolle spielt dann die Rechtssprechung bei der Vereinbarkeit?

C.S.: Im Falle einer Trennung der Eltern könnte die Rechtssprechung mehr für die Vereinbarkeit tun. Denn das gegenwärtige Leitbild des Residenzmodells halten wir für problematisch: Es sieht vor, dass gemeinsame Kinder nach einer Scheidung nur einem Elternteil – meist der Mutter – zugesprochen werden und dort ihren Lebensmittelpunkt haben.Wir befürworten stattdessen ein Wechselmodell, die Doppelresidenz, bei dem beide Elternteile gleichberechtigt verantwortlich sind und beide dem Kind ein Zuhause bieten.

Auch Elternrecht und -pflicht, also gemeinsame Verantwortung im gesamten Lebensverlauf – so auch nach einer Trennung – ist in unseren Augen ein Instrument zur Vereinbarkeit und ein Mehrwert für alle Beteiligten. Natürlich mit Unterstützung der öffentlichen Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur.

Was sind gegenwärtig die größten Baustellen?

C.S.: Da gäbe es einiges zu nennen. Unserer Ansicht nach sollten das Ehegattensplitting und die kostenlose Krankenkassen-Mitversicherung für Ehepartner abgeschafft werden. Beides führt nur dazu, traditionelle Rollenmodelle zu zementieren und bietet Fehlanreize für eine ungleiche Verteilung der Familien-, Haus- und Erwerbstätigkeit innerhalb der Partnerschaft.

Minijobs führen Mütter oftmals in die berufliche Sackgasse und sind auch für ihre Altersvorsorge keine Lösung.

Falsche Anreize setzen in unseren Augen auch Minijobs. Ursprünglich waren sie als Brücke in den Arbeitsmarkt gedacht, entpuppen sich tatsächlich aber oftmals als Sackgasse und setzen die Frauen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Partner. Minijobs bieten hinsichtlich Aufstiegschancen, existenzsicherndem Einkommen und gerade auch hinsichtlich der Altersvorsorge keine Lösung.

Das Thema Altersvorsorge ist ja gerade für Mütter, die mit den kleinen Kindern zu Hause geblieben sind, ein wichtiges Thema...

C.S.: Ja, insbesondere den Müttern droht in vielen Fällen die Altersarmut, da sie in der Regel für Kinderbetreuung und -erziehung oder auch für die Pflege von Angehörigen Erwerbsunterbrechungen haben. Wenn sie dann per Minijob oder geringfügiger Beschäftigung wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen, tun sie sich mit einer Weiterentwicklung oder gar einem Aufstieg auf Grund der Rahmenbedingungen schwer.

Um darauf aufmerksam zu machen, haben wir 2014 den Equal Pension Day ins Leben gerufen. Derzeit erhalten Frauen durchschnittlich knapp 60 Prozent weniger Rente als Männer durch eigenständig erworbene Ansprüche. Auf diese eklatante Lücke wollen wir mit dem jährlichen Aktionstag – dieses Jahr der 4. August – hinweisen. Wir möchten Mütter dafür sensibilisieren, ihre Rentenvorsorge rechtzeitig selbst in die Hand zu nehmen.

Welche Rolle spielt die Wirtschaft bei der Vereinbarkeit?

C.S.: Die Frauenerwerbstätigkeit ist höher geworden und die Frauen steigen auch früher wieder in einen Job ein, allerdings sind das eben oft Minijobs oder kleine Teilzeittätigkeiten. Hier sind wir noch weit davon entfernt, wie es sein sollte. Dazu müssen notwendige Instrumente ausgebaut werden, und wirtschaftliche Anstrengungen dazu sind auch schon da.

Es wurde durchaus erkannt, dass wir Frauen bei der Erwirtschaftung des Bruttoinlandprodukts eine große Rolle spielen, und auch beim Stichwort Fachkräftemangel kommen Frauen ins Spiel. Eine bessere Vereinbarkeit kann einen wesentlichen Beitrag zur Deckung des Fachkräftebedarfs leisten – Mütter stellen hier das größte inländische und am schnellsten zu mobilisierende Potential dar.

Bei einer vollständigen Gleichberechtigung im beruflichen Kontext sind wir aber erst dann angelangt, wenn Männer wegen familiärer Sorgearbeit das gleiche unternehmerische „Risiko‟ darstellen werden wie Frauen. Dann werden wir einen Riesenschritt weiter sein.

Wie kann ich mich persönlich für das Thema engagieren?

C.S.: Wir freuen uns über jedes Mitglied, das unserer Stimme noch mehr Gewicht verleiht. Wir machen unsere Arbeit alle ehrenamtlich und stemmen unsere finanziellen Verpflichtungen über die Mitgliedsbeiträge und den Verkauf des „Dschungelbuchs" – so heißt unser Leitfaden durch das Dickicht aus Gesetzen, Ansprüchen, Steuern und weiteren Hindernissen rund um die Vereinbarkeit.


Über den VBM:

Der VBM bietet sowohl selbstständigen als auch angestellten Müttern eine Lobby. Er ist bundesweit aktiv und derzeit in sieben Städten bzw. Regionen mit Kontaktstellen vor Ort vertretenen. Dort veranstalten VBM-Frauen regelmäßige Treffen, bei denen sich berufstätige Mütter austauschen können. Sie sind auch Ansprechpartner für Frauen und Männer sowie Unternehmen und Institutionen, die Fragen zur Vereinbarkeit haben.

Cornelia Spachtholz ist hauptberuflich als Beraterin in der Unternehmensentwicklung tätig. Im VBM-Bundesvorstand engagiert sich die Mutter eines Sohnes seit gut zehn Jahren, nun im 4. Jahr als Vorstandsvorsitzende. Während ihres BWL-Studiums war sie studentisches Mitglied in der Gleichstellungskommission und im Frauenbeirat. In dieser Funktion war sie auch stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte an der Fachhochschule Köln.

Eine Mitgliedschaft im VBM kostet 60 Euro im Jahr.

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