01.
Oct.
2016
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„Der Teilzeitmann trifft den Nerv der Zeit“

Zum Wohl von Firmen UND Familien: Der Schweizer Unternehmer Andy Keel kämpft darum, eine verkürzte Arbeitszeit salonfähig zu machen

Viele Männer könnten sich vorstellen, in Teilzeit zu arbeiten, aber nur wenige ziehen es letztlich durch. Es sind besonders die Väter, die sich nach einer verkürzten Arbeitszeit sehnen, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Damit Männer diesen Schritt häufiger wagen, hat Andy Keel in der Schweiz 2008 das Portal Teilzeitkarriere gegründet, vier Jahre später kam der Teilzeitmann hinzu. Der Betriebsökonom war zuvor als Banker erfolgreich und bereits mit Mitte 20 in die Direktion von zwei Schweizer Großbanken aufgestiegen – und arbeitete dort in Teilzeit. Da das Modell jedoch ständig auf Widerstände stieß, wurde es zu Keels persönlichem Ehrgeiz, Teilzeit salonfähig zu machen.

Sein Portal Teilzeitkarriere hat sich mittlerweile zum größten Schweizer Anbieter von Teilzeitjobs und Job-Sharing-Modellen entwickelt. Mit seiner Initiative Teilzeitmann wirbt der zweifache Vater zudem in Firmen für das verkürzte Arbeitszeitmodell, er hält Referate und konzipiert Workshops, die die Umsetzung einer besseren Vereinbarkeit von Job und Familie zum Ziel haben.

Vor allem eines macht er den Unternehmen deutlich: Teilzeit zahlt sich – entgegen landläufiger Vorstellungen – in jeder Hinsicht aus. Wer kürzer arbeitet, wird seltener krank, ist motivierter, hat weniger Fehlzeiten. Ein Teilzeitangebot hilft, besonders umworbene Mitarbeiter zu halten und gewinnen. Teilzeit fördert die Diversität im Unternehmen, was sich auf seine Innovationskraft auszahlt. Die für sich gewonnene Zeit kann der Mitarbeiter für andere Aktivitäten einsetzen – zum Beispiel im sozialen Bereich oder im Erwerb neuer Kompetenzen –, die sich wiederum positiv auf das Unternehmen auswirken.

Ich habe mit Andy Keel über Ängste der Männer, Vorbehalte der Unternehmen und die Zukunft des Teilzeitmannes gesprochen.

Saint Iva: Sie haben Teilzeitkarriere 2008 und Teilzeitmann 2012 gegründet. Was haben Sie seitdem erreicht?

Andy Keel: Der Teilzeitmann trifft den Nerv der Zeit, denn immer mehr Väter wollen Zeit mit den Kindern verbringen und Verantwortung im Haushalt übernehmen. Der Teilzeitmann hat es weltweit in über 400 Medien mit über 1.000 Artikeln geschafft. In der Schweiz ist die Teilzeitmann-Quote von 12 auf 16,4% gestiegen. Unser visionäres Ziel von 20% Teilzeitmännern im Jahr 2020 liegt damit in greifbarer Nähe.

Was sind die typischen Ängste der Männer? Was hält sie davon ab, Teilzeit bei ihrem Arbeitgeber zu beantragen?

A.K.: Es ist simpel – an erster Stelle steht die Lohneinbuße, gefolgt von der Befürchtung, die eigene Karriere zu beenden bzw. zu pausieren.

Welches sind die größten Vorbehalte der Unternehmen?

A.K.: Viele Unternehmen ignorieren einfach den neuen Trend, dass Männer auch Teilzeit arbeiten möchten. Die Teilzeitmänner stehen quer zu Firmenkulturen, wo Präsenz und lange Arbeitswochen einher gehen mit dem Aufstieg im Unternehmen. Nur sehr wenige Firmen – z.B. Triumph – gehen hier neue Wege.

Wie schaffen Sie es, Männern und Unternehmen ihre Befürchtungen zu nehmen?

A.K.: Wir motivieren sie. Wir zeigen ihnen auf, wie andere Männer diese Hürden geschafft haben und wie es ihnen heute geht. Wir arbeiten bewusst mit den Widerständen, um einen Schritt in Teilzeit zu ermöglichen. Bei den Firmen ist es zudem wichtig, dass bei unseren Verantstaltungen der CEO oder Personalchef auftritt und mit eigenen Wörtern ausspricht: Bei uns ist Teilzeit erwünscht. Das nennen wir die „Erlaubniserteilung“.

Geht es Ihnen auch um Gleichberechtigung mit den Frauen? Üblicherweise steckt nach der Geburt der Kinder ja die Mutter beruflich zurück und geht statt vorher Vollzeit erst mal wieder in Teilzeit arbeiten. Dadurch scheint ihnen ein Aufstieg verwehrt oder auch ein späterer Wechsel zurück in Vollzeit wird nicht immer ermöglicht.

A.K.: Klar – wir engagieren uns primär für salonfähige Teilzeitjobs. Die ganze Medienarbeit vom Teilzeitmann hilft, das Thema Teilzeit aufs Parkett zu bringen. Und es gibt noch so viel zu tun – insbesondere Frauen und Mütter werden heute de facto im Job diskriminiert.

In wievielen Jahren, glauben Sie, wird das Thema „Teilzeitarbeit für den Mann“ sich als normal und selbstverständlich etabliert haben?

A.K.: 20 Jahre!

Wann kommt der Teilzeitmann nach Deutschland und Österreich?

A.K.: Da der Teilzeitmann keinen Business Case hat (etwas, womit wir nachhaltig Geld verdienen können), sind wir auf Förderungen angewiesen. Die SPD-Familienministerin hat den Teilzeitmann in Deutschland persönlich verhindert, obwohl Sie zuhause selber einen Teilzeitmann hat. Teilzeit ist oftmals negativ konnotiert und wird in der Wirtschaft mit mangelndem Leistungswillen verglichen. Daher möchten sie Abstand nehmen. Aber wir alle wissen ja, dass Politiker nur eine kleine Zeitspanne im Amt sind – wir werden es irgendwann schon schaffen oder eine Stiftung finden, die uns den Start in Deutschland und Österreich ermöglicht.

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